Wunderwerk Pferdedarm

Was den Pferdedarm so besonders macht

Der Darm des Pferdes ist etwa zehnmal so lang wie sein Körper – das sind je nach Pferderasse und Größe insgesamt 25 bis 40 Meter. Er besteht aus dem Dünndarm, der den größten Teil des Darms ausmacht, und dem Dickdarm. Im Dünndarm findet der überwiegende Teil der enzymatischen Verdauung statt, im Dickdarm der überwiegende Teil der mikrobiellen Verdauung.

Dünndarm
Der saure Futterbrei aus dem Magen passiert zunächst den Pylorus, den Schließmuskel am Magenausgang, und wird von den hier gebildeten Schleimstoffen abgepuffert, damit die Enzyme im Dünndarm ihre Arbeit tun können. Der Dünndarm ist etwa 20 bis 30 Meter lang und fasst rund 40 bis 50 Liter. Er gliedert sich in den etwa einen Meter langen Zwölffingerdarm (Duodenum), den Leerdarm (Jejunum) und den nur etwa 0,7 m langen Hüftdarm (Ileum).
Der Zwölffingerdarm und der im Durchschnitt rund 25 m lange Leerdarm verfügen über eine durch Ausstülpungen (Zotten) maximal vergrößerte Schleimhautfläche, um so viele Nährstoffe wie möglich aufnehmen zu können. Da das Pferd keine Gallenblase hat, gibt die Leber ständig Gallenflüssigkeit zur Aufspaltung von Fett direkt in den Zwölffingerdarm ab. Auch die Bauchspeicheldrüse mündet in diesem Darmabschnitt und setzt eiweißaufspaltende Enzyme frei. Während die Verdauungsenzyme den Futterbrei aufschließen, wird er durch die Darmbewegungen permanent durchmischt und weitertransportiert. Im Leerdarm wird Eiweiß weiter in Aminosäuren aufgespalten und Stärke in Zucker umgewandelt und ans Blut weitergegeben.
Der Leerdarm ist durch eine lange, dicht von Blutgefäßen und Nerven durchzogene Membran (Mesojejunum) an der Wirbelsäule aufgehängt. Hier kann es zu Verschiebungen oder Verschlingungen kommen, die zu Koliken führen.
Nach etwa 1,5 Stunden gelangt der Futterbrei in den Hüftdarm und von hier aus in den Dickdarm. Da die Raufutteranteile den Dünndarm so gut wie unverdaut passieren, kann es bei schwer verdaulicher Raufaser (zum Beispiel durch die Fütterung von zu viel Stroh) zu einer Verstopfung des Hüftdarms kommen (Ileumobstipation).

Dickdarm
Auch der Dickdarm gliedert sich in drei Abschnitte: den Blinddarm (Caecum), den Grimmdarm (Colon) und den Mastdarm (Rektum). Der Blinddarm fasst rund 35 Liter und ist gewissermaßen eine Gärkammer, in der mit Hilfe von Mikroorganismen der Darmflora die Zellulose des Raufutters aufgespalten wird. Die Darmflora ist abhängig von der Art des Futters, so dass plötzliche Umstellungen zu Fehlgärungen und damit zu heftigen Koliken führen können.
Der Grimmdarm unterteilt sich in das große und das kleine Colon, fasst rund 80 Liter und ist an der Zelluloseverdauung beteiligt. Die Bakterien des großen Colons entziehen u. a. den Futterresten die B-Vitamine und Vitamin K. Zudem wird im Colon Vitamin C gebildet. Im kleinen Colon wird dem Darminhalt Wasser entzogen. Hier entstehen dann auch die Pferdeäpfel. Problematisch am gesamten Colon ist die relativ lockere Befestigung dieses Darmabschnitts, wodurch es bei Fehlgärungen leicht zu Verlagerungen und Verdrehungen kommen kann. Die Nahrung bleibt rund 18 bis 20 Stunden im Colon und gelangt dann in den Mastdarm, von wo der Kot dann ausgeschieden wird. Insgesamt dauert die Dickdarmpassage 35 bis 40 Stunden. Probleme können sich nicht nur durch Verlagerungen und Verschlingungen von Darmanteilen ergeben. Auch äußere Faktoren wie zu wenig Bewegung, Stress und Wetterwechsel können die Magendarmtätigkeit negativ beeinflussen, da diese vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird.

So vermeiden Sie Verdauungsprobleme
• Sorgen Sie für Stall- und Weidehygiene durch tägliches Misten der Box und Abäppeln von Auslauf und Koppel sowie Sauberhalten von Tränken und Futterkrippen. So dämmen Sie Parasiten und Krankheitserreger ein.
• Lagern Sie Futter kühl und trocken, um Schimmel zu vermeiden.
• Jede Futterumstellung sollte langsam erfolgen, damit sich der Verdauungstrakt darauf einstellen kann. Das gilt nicht nur für den Übergang vom Stall zur Weide und umgekehrt, sondern auch fürs Kraftfutter.
• Füttern Sie Raufutter möglichst etwa 10 bis 15 Minuten vor dem Kraftfutter.
• Verteilen Sie das Kraftfutter auf mehrere Mahlzeiten, so dass pro Mahlzeit höchstens 300 g Futter pro 100 kg Körpergewicht zusammenkommen.
• Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd immer ausreichend frisches Wasser zur Verfügung hat.
• Füttern Sie ausreichend qualitativ hochwertiges und einwandfreies Raufutter, wobei die Futterpausen nie länger als vier Stunden sein sollten.
• Vermeiden Sie einen zu hohen Kraftfutteranteil
• Antibiotika wirken leider nicht nur auf die „Ziel-Bakterien“, sondern können auch die „guten“ Bakterien der Darmflora beeinträchtigen. Hier können Prebiotika und Probiotika das Gleichgewicht wiederherstellen.
• Regelmäßige Entwurmungen und Zahnkontrollen sollten selbstverständlicher Bestandteil des Gesundheitsmanagements eines Pferdes sein.
• Vermeiden Sie unnötigen Stress in der Haltung, im Umgang und im Training. Routine hilft!
• Sorgen Sie täglich für ausreichend Bewegung in Form von Training ebenso wie so viel Auslauf wie möglich.

Text: Ramona Billing, Foto: Angelika Schmelzer