Zoonosen: Gefahr für Pferd & Mensch

Wo (Haus-)Tier und Mensch in engem Kontakt leben, steht oft die Frage nach einer gegenseitigen Ansteckung mit Infektionserregern im Raum. Kann ich mich mit dem Darmparasiten meines Hundes infizieren? Hüpfen die Flöhe, die auf meiner Katze herumturnen, am Ende auch auf mich? Diese und weitere Fragen stellen sich Tierfreunde häufig. Das Pferd als Ausgangspunkt einer Infektion steht hingegen seltener im Fokus, und auch der umgekehrte Übertragungsweg – vom Menschen auf das Pferd – findet wenig Beachtung. Und doch spielen auch solche Mensch-Pferd-Zoonosen eine, wenngleich glücklicherweise meist eher geringe Rolle. 

Neben diesen Pferd-Mensch-Zoonosen treten im Umfeld der Pferdehaltung weitere Zoonosen auf, die nicht durch eine Übertragung zwischen diesen beiden Gruppen zustande kommen, sondern von anderen Tierpopulationen ausgehen, aber von dort sowohl auf Pferde als auch auf Menschen übergehen, wobei der Pferdekontakt direkt oder indirekt relevant werden kann. Diese und weitere Aspekte haben natürlich Auswirkungen auf notwendige Hygienemaßnahmen und sinnvolle Prophylaxe. Was sollten Pferdefreunde über beide Formen von Zoonosen im Pferdekontakt wissen?

Was genau sind „Zoonosen“?

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die auf natürliche Weise zwischen Menschen und anderen Wirbeltieren übertragen werden. Dieser Austausch kann in beide Richtungen stattfinden und ganz unterschiedliche Infektionserreger betreffen: Viren, Bakterien, Pilze, vermutlich auch Prionen, außerdem Helminthen (parasitäre Würmer), Arthropoden (Gliederfüßer wie z. B. Insekten) und Protozoen (tierische Einzeller). Die Übertragungswege sind vielfältig, etwa über die Atemluft (aerogen), durch Hautkontakt oder mittels Schmierinfektion über Schleimhäute. Und er muss nicht auf direktem Weg erfolgen – auch belebte und unbelebte Vektoren können als eigentliche Überträger zwischengeschaltet sein: oft blutsaugende Zecken oder Stechinsekten, die beim Biss und Stich Keime übertragen, aber auch kontaminiertes Tränkwasser, verseuchtes Putzzeug, mit Sporen durchsetzte Satteldecken, Nagerurin voller Erreger. 

Nach der heute gültigen Definition gibt es etwa 200 Zoonosen mit unterschiedlicher Relevanz und Aktualität. Viele allerdings „fliegen unter dem Radar“, werden nicht bemerkt, nicht diagnostiziert – und sind oft harmloser Natur. Andere hingegen können lebensgefährlich sein, tödlich ausgehen. Die mit schweren Durchfällen einhergehende Salmonellose etwa kann vom Nutztier auf den Menschen übergehen, der sich durch verseuchte Lebensmittel wie Eier oder Fleisch infiziert. An der Tollwut sterben in anderen Weltregionen immer noch zahlreiche Menschen, die durch den Biss infizierter Hunde angesteckt werden. Und zahlreiche Seuchen der Vergangenheit wie etwa die Pest – der Schwarze Tod – waren Zoonosen. 

Es ist also kein neues Phänomen, allerdings ist Bewegung in das Thema gekommen: Globalisierung und Klimawandel könnten die von Zoonosen ausgehende Gefahr in einigen Teilgebieten erhöhen. Doch waren Zoonosen – wie Infektionserkrankungen generell – noch nie eine statische Angelegenheit: Immer wieder, so lassen Forschungen rückschließen, entwickelten zunächst auf eine bestimmte Wirtsgruppe spezialisierte Infektionserreger irgendwann die Fähigkeit, auch andere Populationen erfolgreich zu infizieren bzw. von einem „Gastgeber“ auf einen einer anderen Tiergruppe angehörigen überzugehen.

Und bei uns – alles entspannt im Pferdestall?

Nicht so ganz. Die Liste der zwischen Pferden und Menschen – auch indirekt – übertragbaren Infektionserkrankungen ist länger als gedacht und enthält aktuell von den 200 bekannten Zoonosen etwa 20 mit diesem Potential einer gegenseitigen Ansteckung. Als Ausgangspunkt zoonotischer Erkrankungen spielt das Pferd im Vergleich mit Hunden und Katzen hierzulande allerdings eine eher untergeordnete Rolle. 

Die gute Nachricht: Meist handelt es sich auch um eher harmlose Infektionen, etwa mit Hautpilzen, und nur wenige sind tatsächlich brandgefährlich. Bei einigen Zoonosen sind Menschen und/oder Pferde zudem Fehlendwirte: Der Erreger kann zwar eine Infektion auslösen, eine Weitergabe an Dritte ist allerdings ausgeschlossen – die Infektion läuft ins Leere. Bedeutet insgesamt für den Pferdefreund: Nur einige wenige Pferd-Mensch-Zoonosen spielen im Alltag rund um Stall und Weide tatsächlich eine Rolle. Nicht aus den Augen verlieren sollte man allerdings Infektionserkrankungen, die nicht zwischen Pferden und Menschen übertragen werden können, sondern von anderen, oft Wildtierpopulationen, sowohl aufs Pferd als auch auf den Menschen übergehen, und zwar auch oder gar besonders häufig im Umfeld der Pferdehaltung. Insgesamt ist deshalb eine gewisse Wachsamkeit, ein Problembewusstsein und eine daraus erwachsende Prophylaxe durchaus angebracht. Wie lässt sich vorbeugen?

Wer sich und sein Pferd vor gegenseitig übertragbaren Erkrankungen schützen will, muss die Infektionswege kennen und wird schnell feststellen, dass vorbeugend weniger getan werden kann als im häuslichen Umfeld. Das hängt damit zusammen, dass einige wichtige zoonotische Infektionserkrankungen im Pferdekontakt nicht direkt, sondern über unbelebte und vor allem belebte Vektoren, selbst nicht erkrankende Zwischenwirte übertragen werden. Während man sich durch persönliche Hygiene (Händewaschen) gut vor Schmierinfektionen, durch körperlichen Abstand vor Inhalationsinfektionen schützen kann, hat man gegen durch Zecken oder Stechinsekten übertragbare Zoonosen weniger effektive Möglichkeiten. Ein gewisses Problembewusstsein ist auch immer dann angebracht, wenn Pferdefreunde und/oder Pferde reisen, wenn etwa Reiterreisen in Weltregionen gebucht werden, in denen andere als hierzulande vorkommende Mensch-Pferd-Zoonosen auftreten können, wenn Pferde aus fernen Ländern importiert oder Events weitab von zuhause samt Pferd besucht werden. Insgesamt gilt: Die Gefahr ist gering, aber einen absoluten Schutz gibt es so oder so nicht, leider. 

Doch die Wissenschaft ist längst dran an dem Thema. Ganz grundsätzlich hat die Forschung Zoonosen vermehrt in den Fokus genommen, nicht erst seit AIDS, Covid und Co – in der Forschungsrichtung „Epidemiologie“ etwa ist man sich der Bedeutung von Zoonosen bei der Entstehung von Pandemien oder „neu“ auftretenden Infektionserkrankungen durchaus bewusst. Das Phänomen ist nämlich alt und durchaus bekannt: So spielte die Übertragung vom Mensch auf das Tier und umgekehrt bei der Tuberkulose immer schon eine große Rolle und auch die im Anschluss an den Ersten Weltkrieg bis geschätzt 100 Millionen Todesopfer fordernde Spanische Grippe ist wohl ursprünglich durch die Übertragung von Influenzaviren vom Vogel auf den Menschen ausgelöst worden. Wie immer, wenn es allgemeingesellschaftliche Probleme zu lösen gilt, wurde eine entsprechende Institution geschaffen – in diesem Fall eine gute Sache! Innerhalb der Europäischen Union überwacht nun ein Netzwerk aus 300 Wissenschaftlern das Geschehen und widmet sich der Forschung rund um Prävention und Bekämpfung von Zoonosen. Durch ihre Anstrengungen werden nicht nur bekannte Zoonosen erforscht, auch die von irgendwann die Artgrenzen überwindenden Erregern ausgehende Gefahr wird im Auge behalten. Eine wichtige Aufgabe wird auch die Entwicklung weiterer Impfungen gegen gefährliche Zoonosen sein, da ist noch viel Luft nach oben. 

Wichtig für Pferdefreunde: Aktuell befindet sich kein im Pferdekontakt relevanter Erreger unter den offiziellen Top Ten der im Hinblick auf die Seuchengefahr als besonders gefährlich eingestuften Zoonosen.

Zoonosen im Pferdekontakt

Im direkten Lebensraum der Pferde oder im durch Vektoren erweiterten, indirekten Umfeld spielen vor allem einige virale, bakterielle und Pilzinfektionen eine Rolle, während parasitäre Zoonosen vernachlässigbar selten sind. Betrachtet werden sollten wie erwähnt nicht nur Pferd-Mensch-Zoonosen, sondern unbedingt auch Zoonosen, die von Wildtierpopulationen sowohl auf Pferdefreunde als auch auf ihre Pferde übergehen können.

Virale Infektionen: Das West-Nil-Virus ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt. Ausgehend von einem Wildtierreservoir in Vogelpopulationen, wird es durch den Stich diverser Mückenarten auch auf Menschen und Pferde übertragen. Eine direkte Weitergabe und anschließende Infektionserkrankung zwischen Pferdefreunden und ihren Vierbeinern ist allerdings nicht möglich. Auch das Borna-Virus zählt zu den Zoonose-Erregern. Das Virus wird über Spitzmäuse übertragen und kann bei Schafen und Pferden, aber auch, wenngleich sehr selten, beim Menschen zur Borna-Krankheit führen. Weitere virale Zoonosen kommen in anderen Weltregionen vor und spielen vereinzelt beim Import von unerkannten Virusträgern eine Rolle – etwa die Östliche Pferdeenzephalomyelitis, an der auch Menschen erkranken können.

Bakterielle Infektionen: Viele Pferdefreunde wissen, dass sowohl sie als auch Pferde (und andere Tiere) an der Lyme-Borreliose erkranken können. Der auslösende Erreger Borrelia burgdorferi infiziert Pferd, Mensch und zahlreiche Nutz-, Haus- und Wildtiere und kann über Zecken, die als Vektoren fungieren, hin und her übertragen werden. Zeckenschutz durch Repellents, regelmäßiges zeitnahes Absuchen auf Zecken und rasches, sachkundiges Entfernen der bereits zum Biss gekommenen Tiere kann, wenn auch nicht perfekt, vor einer Borreliose schützen. Denn: Je länger eine Zecke am Wirt verbleibt und je ungeschickter sie entfernt wird, desto größer ist das Infektionsrisiko. Auf direktem Weg, also ohne Vektor, findet allerdings keine Übertragung zwischen Pferden und Menschen statt. Vorsicht ist geboten bei eitrigen Hautinfektionen (z. B. Mauke) – manche Eitererreger können, beispielsweise beim Säubern eiternder Verletzungen, infolge einer nicht intakten Hautbarriere in den menschlichen Körper gelangen. Pferde wie Menschen können an einer Leptospirose erkranken, einer oft grippeähnlich verlaufenden Erkrankung, bei der es aber auch zu schweren Leberschäden und anderen gravierenden Folgen kommen kann. Bei dieser Zoonose kommt es im Umfeld des Stalles zu Kontakt mit den natürlichen Wirten – Ratten und Mäusen – bzw. deren Ausscheidungen und darüber zu einer Infektion. Bei Reisen in ferne Länder können auch längst überwunden geglaubte Zoonosen wie Milzbrand und Rotz wieder zum Thema werden. Hierzulande wird zudem die von mehrfach resistenten Keimen ausgehende Gefahr und ihre (potentielle) Rolle als Zoonose-Erreger zunehmend im Auge behalten und erforscht. 

Pilzinfektionen: Hautpilzerkrankungen können bei Pferden und Menschen durch verschiedene Erreger ausgelöst werden. Eine gegenseitige Ansteckung ist hier über den direkten Kontakt oder über unbelebte Vektoren (Hantieren mit kontaminiertem Putzzeug, Satteldecken, …) möglich. 

Helminthen und Kollegen: Sich beim eigenen Pferd mit fiesen Würmern anzustecken ist alles andere als eine schöne Vorstellung. Zum Glück muss niemand ernsthaft damit rechnen, dass sich die üblichen Eingeweideparasiten unserer Pferde bei uns Mensch gleichermaßen wohl fühlen – sie sind recht wirtsspezifisch. Erwachsene Pferdefreunde achten zudem im Umfeld der Pferde meist so gut auf eine gewisse Grundhygiene, dass sie kaum Gefahr laufen, sich über mit infektiösem Pferdekot verschmierte Hände und den Mund selbst zu infizieren. So tritt allenfalls die Kryptosporidiose, eine durch Kryptosporidien – einzellige Parasiten – verursachte schwere Durchfallerkrankung, in Einzelfällen als im Pferdekontakt relevante Zoonose auf. Realistischer ist die Gefahr einer Übertragung von Räude- und anderen Milben im Kontakt. Hier ist allerdings der Mensch ein Fehlwirt, weshalb er in der Regel nicht dauerhaft besiedelt werden kann und nur vorübergehend Symptome zeigt. Milben können bei Pferden vereinzelt auftreten, wobei oft Individuen mit starkem Fesselbehang im Verlauf einer Maus- oder Raspeerkrankung betroffen sind. 

Text: Angelika Schmelzer, Foto: Symbolbild