Fairer Umgang mit dem Partner Pferd
Im Gespräch mit Christoph Hess
„Pferdegerechtes Reiten heißt, beständig ins Pferd reinzuhören, es zu erfühlen und seine Instinkte zu respektieren.“
Christoph Hess ist wohl jedem im Pferdesport ein Begriff. 40 Jahre lang war er vollberuflich für die FN tätig, 20 Jahre leitete er das Bundesleistungszentrum Reiten (heute: Bundesstützpunkt) in Warendorf. Zudem war er über 30 Jahren international begehrt als FEI-Richter für Dressur und Vielseitigkeit. Vielleicht noch bedeutsamer ist jedoch sein enormes Engagement für pferdegerechten Sport. Hierfür setzt sich Christoph Hess unter anderem in bundesweiten Seminaren ein. Er zeigt, wie Pferdewohl und Hochleistungssport durchaus Hand in Hand gehen können. Grund genug, sich mit ihm einmal näher zu unterhalten…
Sie sind nicht nur Reiter, Trainer und FEI-Richter – Sie sind vor allem durch und durch Pferdemensch. Was fasziniert Sie so am Wesen Pferd?
Christoph Hess: Das Wesen Pferd hat mich schon als Kind in seinen Bann gezogen – und das, obwohl ich nicht aus einer Pferdefamilie komme. Wir hatten nicht mal einen Hund oder eine Katze. Aber als ich mit sieben Jahren das erste Mal Gelegenheit hatte, ein Pferd wirklich zu erleben, traf es mich wie ein Schlag. Diese Faszination ist bis heute geblieben – das Leben mit Pferden wird einem nie langweilig. Mich fasziniert die Gutmütigkeit dieses großartigen Tieres, seine Lernfähigkeit und seine Bereitschaft, eine Partnerschaft mit uns einzugehen. Vor allem aber ist es seine Zugewandtheit dem Menschen gegenüber. Das bedeutet für uns Menschen aber auch eine ungeheure Verantwortung: Das ist ein Schatz, den wir mit allen Mitteln bewahren müssen. Denn wenn diese Zugewandtheit nicht mehr da ist, ist in der Ausbildung etwas ganz gewaltig schiefgelaufen.
Um diese Zugewandtheit zu bewahren, setzen Sie sich seit Jahren für mehr Harmonie und Fairness im Pferdesport ein. Was bedeutet Fairness dem Pferd gegenüber?
Christoph Hess: Harmonie und Fairness sind Schlüsselbegriffe im Umgang mit dem Pferd. Man sollte sich immer bemühen, fair gegenüber dem Pferd zu sein, das uns ja gewissermaßen ausgeliefert ist. Pferd und Reiter sollten auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, aber das Pferd muss Respekt haben. Dazu muss man sich bemühen, das Lebewesen Pferd zu verstehen, was heute in einer Gesellschaft mit wenig Tierkontakt vielen zunächst nicht leichtfällt. Martin Plewa sagte einmal sehr richtig „Wir müssen uns ‚verpferdlichen‘, anstatt das Pferd zu vermenschlichen.“ Um fair zum Pferd zu sein, muss man versuchen, sich in seine Rolle hineinzuversetzen.
Sie verstehen sich als Botschafter für pferdeschonende Ausbildung und pferdegerechtes Reiten. Was genau umfasst das eigentlich?
Christoph Hess: Die pferdeschonende Ausbildung fängt schon beim Reiter an. Dieser muss sich einen ausbalancierten, losgelassenen und handunabhängigen Sitz erarbeiten und immer wieder optimieren – und das ein Leben lang, egal wie alt wir sind. Wir müssen uns ständig selbst fortbilden, nicht nur das Pferd. Nur so wird man gewissermaßen zu einem angenehmen „Gast“ im Sattel statt einem dominanten „Ballast“, den das Pferd auch noch zusätzlich ausbalancieren muss. Auf meinen Seminaren erzählen mir die meisten Reiter von den Problemen ihres Pferdes: da funktioniere dies nicht und jenes nicht – und in Wirklichkeit liegt es am Reiter und seinem Sitz.
Pferdegerechtes Reiten bzw. pferdegerechter Umgang heißt, beständig ins Pferd reinzuhören, es zu erfühlen und seine Instinkte zu respektieren. Wir sollten uns die Natur des Pferdes vor Augen führen und dies für unsere Arbeit nutzen. Beispiel: Pferde sind Herdentiere, also nutze ich dies in der Ausbildung und lasse junge Pferde hinter älteren, erfahrenen laufen. Pferde haben eine Hierarchie. Wir müssen uns die Position des Alpha-Tieres erarbeiten, das ist beim Umgang mit einem 500 kg schweren Tier allein schon aus Sicherheitsgründen unerlässlich. Dafür muss ich mich aber auch als verlässliche Führungsperson erweisen, der das Pferd vertrauen kann.
Und dann bedeutet pferdegerechtes Reiten, dass man den Körper des Pferdes gymnastizieren muss, so dass er biomechanisch richtig arbeiten kann, ohne zu verschleißen. Hierfür gibt es unabhängig von der Reitweise drei Schlüssel-Punkte: den Rücken als Bewegungszentrum zum Arbeiten, die Hinterhand zum Untertreten und den Hals in die Dehnung zu bringen.
Häufig hört man, dass die moderne Warmblutzucht Pferde mit spektakulären Gängen herausbringe, die der normale Reiter aber gar nicht mehr reiten könne. Zudem ginge dies zu Lasten der Gesundheit, also der Sporttauglichkeit. Wie ist Ihre Erfahrung?
Christoph Hess: Ich bin kein Züchter und möchte mir daher kein Urteil über die moderne Pferdezucht anmaßen. Sicher ist jedoch, dass drei Dinge dafür entscheidend sind, dass ein Pferdebesitzer und Reiter lange Freude an seinem Pferd haben kann. Zum einem sollte ausschließlich mit gesunden Pferden gezüchtet werden, damit das Fohlen schon genetisch die optimalen Voraussetzungen mitbekommt. Dann sorgt eine gesunde Aufzucht und Haltung mit viel Bewegung und Sozialkontakt für ein gesundes und ausgeglichenes Pferd. Und schließlich kommt die richtige Ausbildung hinzu mit einer sorgfältigen Basis, auf die man immer wieder zurückgreifen kann. Letzten Endes liegt es, wie schon gesagt, am Reiter. Er muss an einem ausbalancierten und losgelassenen Sitz arbeiten. Ohne den kann man zum Beispiel die großen Bewegungen im starken Trab gar nicht aussitzen. Je besser das Pferd ist, desto besser muss auch der Reiter sein. Daher kann ich nur appellieren, dass man sich nicht überschätzen sollte, damit man auch Freude am Pferd hat. Und letzten Endes kommt man nicht darum, immer an sich selbst zu arbeiten – ein Leben lang, und egal, wieviel Erfahrung man schon hat.
Wir danken für das Gespräch.
Zum Foto: Christoph Hess ist nicht nur Reiter, Trainer und FEI-Richter – Er ist vor allem durch und durch Pferdemensch. Foto: Jil Haak
