Kehlkopfpfeifen: Atmung mit Nebengeräusch
Der Begriff „Kehlkopfpfeifen“ klingt so harmlos, und doch verbirgt sich dahinter eine ernst zu nehmende Erkrankung des Kehlkopfes. Betroffene Pferde sind Patienten, die in aller Regel medizinische Hilfe brauchen – und vor allem dank moderner Untersuchungs- und Operationsmethoden auch bekommen. Was sollten Pferdefreunde über das Kehlkopfpfeifen, seine Ursachen, Symptome, Diagnostik und Behandlung wissen?
Beim Pfeifen werden Töne erzeugt, indem Luft schnell durch eine kleine Öffnung gepresst wird und dort verwirbelt. Menschen erzeugen Pfeiftöne mit den Lippen, doch auch weitere Strukturen sind daran beteiligt. Pfeifen dient uns und so manchem Tier der Verständigung, es ist ein Kommunikationsmittel – und vielleicht ist dies auch der Grund, warum das Kehlkopfpfeifen unserer Pferde oft nicht als Krankheitssymptom erkannt und/oder ernst genommen wird. Beim Kehlkopfpfeifen wird der Ton allerdings nicht mit den Lippen, sondern im Kehlkopf erzeugt, und auch nicht willkürlich, sondern automatisch. Das Pfeifen selbst aber entsteht nach denselben physikalischen Prinzipien wie der menschliche Pfiff: Luft strömt durch eine enge Öffnung und wird dabei unter Druck verwirbelt. Und damit ist klar: Kehlkopfpfeifen ist nicht harmlos, das Störgeräusch ist Ausdruck eines Problems, denn sowohl Verengung als auch Verwirbelung beeinträchtigen den physiologischen Luftstrom. Wie kommt diese Veränderung zustande? Bei der Suche nach den Ursachen spielt die Anatomie des Pferdekehlkopfes eine große Rolle.
Anatomie und Funktion des Kehlkopfs
Der Kehlkopf verbindet den Rachen des Pferdes mit der Luftröhre. Er besteht aus mehreren Knorpeln, die durch Bänder und Muskeln zu einer anatomischen Einheit verbunden sind. Das macht den Kehlkopf zu einem sehr komplexen anatomischen Element, da hier Beweglichkeit und Stabilität in einer beanspruchten Körperregion eine essentielle Funktion erfüllt, die Versorgung mit Luft.
Im Rachen kreuzen sich bei Mensch und Pferd Atmungs- und Verdauungstrakt: Die Atemluft muss, von der oben liegenden Nase kommend, in die unten angeordnete Luftröhre geleitet werden, während der Speisebrei aus der unten angeordneten Maulhöhle in die Speiseröhre oberhalb der Trachea abgeschluckt wird. Bei der „Verkehrsregelung“ muss gesichert werden, dass alles dort landet, wo es hin soll: Futter über die Speiseröhre im Magen, Luft über die Luftröhre in der Lunge – Fehler könnten fatale Folgen haben. Hier für Ordnung zu sorgen ist eine der Hauptaufgaben des Kehlkopfs: Drei seiner knorpeligen Elemente, der Kehldeckel (Epiglottis) und die beiden Stellknorpel (Aryknorpel), verschließen beim Schluckakt die Luftröhre, sodass der Bissen zuverlässig darüber und weiter in die Speiseröhre gleiten kann und nicht etwa in die Atemwege gelangt.
Ein gesunder Kehlkopf fungiert also als zuverlässiger „Weichensteller“. Doch er übernimmt weitere wichtige Funktionen: Im Inneren finden sich die beiden Stimmlippen (Stimmfalten), aus Muskulatur (Musculus vocalis), einem Band und einer schützenden Schleimhautschicht bestehende Strukturen. Sie sind paarig angelegt, sodass in der Mitte ein Spalt mit variabler Öffnungsweite entsteht, die Stimmritze. Die Stimmlippen selbst sind schwingungsfähig und wesentlicher Bestandteil des stimmbildenden Apparates. Mit der Muskulatur der Stimmlippen und den Stellknorpeln können Spannung und Dicke der Stimmlippen variiert und zudem die Öffnungsweite der Stimmritze geregelt werden. Damit wird die Bildung von Stimmlauten ermöglicht, aber indirekt auch Einfluss auf den Luftstrom genommen. Und schließlich sorgt der Kehlkopf vor allem als Teil der Atemwege für eine ungestörte Ein- und Ausatmung. Er ist flexibel und fest zugleich konstruiert und garantiert bei Belastung in einem Bereich Stabilität, der aufgrund der Beweglichkeit von Kopf und Hals zueinander größeren Veränderungen unterworfen ist.
Frischluft rein, „Abgase“ raus
Keine Frage, eine in jeder Lebenslage ungehinderte Atmung ist essentiell für Gesundheit und Wohlbefinden unserer Pferde. Nicht nur die Versorgung mit Sauerstoff durch die Einatmung frischer Luft, auch die Entsorgung von Kohlendioxid muss dauerhaft gewährleistet sein. Dazu müssen die Atemwege gesund sein und ungehindert arbeiten können, von den Nüstern bis zur Alveole – den Kehlkopf eingeschlossen. Probleme können durch mechanische Hindernisse unterschiedlicher Art hervorgerufen werden, die zum einen den Luftstrom einschränken, weil sie den Durchmesser der Atemwege verkleinern, aber auch Verwirbelungen hervorrufen, die hinderlich wirken. Es gibt zahlreiche Ursachen für eine Behinderung der Atmung im Bereich des Kehlkopfes: Atemwegsinfektionen, Tumore, Zysten, zudem Schwierigkeiten mit dem Gaumensegel – am häufigsten sind es jedoch Probleme im Bereich der Stellknorpel mit den angrenzenden Stimmlippen und mit der Stabilität des Kehlkopfs, verursacht durch eine Erkrankung des Nervs, der dieses Gebiet versorgt.
Anfangs fallen Patienten vor allem durch ungewöhnliche Atemgeräusche auf, die vielleicht (zunächst) nur bei besonderer Belastung und/oder bestimmten Kopf-Hals-Haltungen deutlich werden. Ein Pfeifen, ein Röcheln, das sich zunächst durch die Anstrengung ein wenig weg erklären lässt, aber mit der Zeit meist an Intensität zunimmt, an Häufigkeit gewinnt, immer öfter auch in Situationen ohne besondere Belastung zu vernehmen ist. Meist stellen sich zudem auch mehr oder weniger deutliche Leistungseinbußen ein – kein Wunder, geht doch mit der Erkrankung auch eine Behinderung des Luftstroms und damit eine Minderversorgung mit Sauerstoff einher. Beide Leitsymptome sind Anlass, den Tierarzt hinzuzuziehen, den Patienten in einer Klink vorzustellen.
Der Weg zur Diagnose
Die Atemgeräusche, meist mit einer Leistungsminderung einhergehend, weisen den Weg: Die Verdachtsdiagnose „Kehlkopfpfeifen“ kann durch bildgebende Verfahren gesichert und eingegrenzt werden. Dabei kommt ein Endoskop zum Einsatz, ein flexibler Schlauch mit einer Kamera, der in Körperhöhlen eingeführt werden kann. In diesem Fall wird das Endoskop über eine Nüster bis zum Kehlkopf vorgeschoben, sodass der Untersucher den betroffenen Bereich betrachten und Abweichungen vom physiologischen Zustand erkennen kann. Die klassische Untersuchung im Stand alleine liefert nicht immer die benötigten Ergebnisse, sodass fallweiche auch unter Belastung untersucht wird – auf dem Laufband (Laufband-Endoskopie) oder sogar beim Training unter dem Sattel (Overground-Endoskopie).
Weitere Diagnosemethoden wie etwa eine Sonografie des Kehlkopfs vervollständigen das Bild. Vor der Behandlung muss geklärt werden, ob eine Schädigung des Nervus recurrens (Rekurrenslähmung) die Ursache ist oder ob andere Probleme vorliegen – etwa anatomische Anomalien des Kehlkopfes selbst oder des Gaumensegels. Aus der Anamnese, der klinischen Untersuchung des Patienten und einer Analyse der Bildgebung ergibt sich ein vollständiges Bild von Ursache(n) und individuellem Beschwerdebild. In die nun entwickelte Therapieempfehlung fließen zudem Faktoren wie Alter, Einsatzgebiet und Leistungsstand mit ein.
Kleine Ursache, große Wirkung
Die pfeifenden oder röchelnden Atemgeräusche haben der Erkrankung die Bezeichnung „Kehlkopfpfeifen“ eingebracht, manchmal sagt man auch, das Pferd habe einen „Ton“. Hinter dem „Pfeifton“ steckt meist eine relativ häufig auftretende Ursache: Der Nervus recurrens, der den Kehlkopf versorgt, ist erkrankt, degeneriert und kann seine Arbeit nicht mehr korrekt leisten, was zu einem Teilausfall, einer Lähmung der den Kehlkopf stabilisierenden Muskulatur inklusive meist eines Stellknorpels mit angrenzender Stimmlippe führt. Meist ist nur ein Ast des paarig angelegten Nervs und damit eine Seite des Kehlkopfs betroffen. Die Konstruktion erschlafft ganz oder zum Teil, Knorpel und Stimmlippe flattern wie ein nicht korrekt im Wind stehendes Segel im Luftstrom, die Atmung kann massiv behindert werden, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit des Pferdes leiden.
Das Krankheitsbild heißt „Hemiplegia laryngis“, „halbseitige Lähmung des Kehlkopfs“, wobei es vor allem die erschlaffte Stimmlippe der betroffenen Seite ist, die für Probleme sorgt. Es können aber auch beide Seiten des bilateral symmetrisch gebauten Kehlkopfs betroffen sein. Häufig ist diese Teillähmung des Kehlkopfs auf die bereits erwähnte Degeneration des Nervus recurrens zurückzuführen und wird dann auch als Recurrent laryngeal neuropathy (RLN), also als „wiederkehrende Nervenkrankheit des Kehlkopfs“ bezeichnet.
Der Nervus recurrens erkrankt nicht zufällig so häufig, er unterliegt in seinem Verlauf einer hohen Beanspruchung, etwa durch die Pulsation benachbarter Gefäße – kein Wunder also, dass er Störungen entwickelt. Dazu passt auch, dass nicht alle Pferdegruppen gleich häufig vom Risiko einer ein- oder beidseitigen Erkrankung des versorgenden Nervs mit daraus resultierender Lähmung von Teilbereichen des Kehlkopfs betroffen sind: Diese Störung tritt vorwiegend bei Warm-, Voll- und Kaltblütern auf und hier vor allem bei männlichen, besonders groß gewachsenen Individuen. Auch eine genetische Komponente wird vermutet. Das Kehlkopfpfeifen kann sich schon in jungen Jahren zeigen und schreitet nicht selten im Laufe der Zeit voran.
Schnelle Hilfe, rasche Besserung
Je früher ein Patient Hilfe bekommt, desto besser! Beim klassischen Bild des Kehlkopfpfeifens kann der Mehrzahl der betroffenen Pferde durch eine passend gewählte Operationstechnik effektiv und nachhaltig geholfen werden. Medikamente, Haltungsumstellungen und andere Therapieansätze, die bei vielen anderen Atemwegsstörungen hilfreich und wichtig sind, können beim Kehlkopfpfeifen allenfalls begleitend und unterstützend von Wert sein. Entscheidend ist es, die mechanische Einengung und Störung des Luftstroms zu beseitigen, und das geht nur chirurgisch. Es geht darum, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit des Patienten durch Behebung der Atembehinderung wieder herzustellen. Dazu müssen die störenden Elemente entfernt oder so fixiert werden, dass die Luft frei durch den Kehlkopf passieren kann.
Je nach individuellem Befund kommen unterschiedliche Herangehensweisen infrage – die optimale Lösung wird deshalb im Dialog zwischen Operateur und Patientenbesitzer gesucht. Heute ist man dazu übergegangen, diese Operationen (auch) am stehenden Pferd durchzuführen, also ohne Vollnarkose – weniger Belastung und geringere Risiken für den Patienten. Immer braucht es eine sorgfältige Diagnose und umfassende Beratung des Patientenbesitzers, auch hinsichtlich der notwendigen Maßnahmen während der Erholung und der korrekten Rückführung in die Arbeit.
Moderne Untersuchungsmethoden und innovative Operationstechniken verhelfen heute vielen „Kehlkopfpfeifern“ zu neuer Fitness und Leistungsfähigkeit – einem Leben ohne lästige und vor allem einschränkende „Nebengeräusche“.
Text: Angelika Schmelzer
