Mondblindheit

Rätselhafte Equine Rekurrierende Uveitis

Seit Jahrhunderten ist sie bekannt, und doch ist und bleibt sie rätselhaft: Die „Mondblindheit“, „Periodische Augenentzündung“, „Equine Rekurrierende Uveitis“ oder schlicht „ERU“ genannte Augenerkrankung unserer Pferde. Immer wieder glaubte man der Wurzel dieses Übels endlich auf die Spur gekommen zu sein, und immer wieder stellte sich heraus: Nein, das ist es nicht, oder zumindest nicht alleine oder nicht in jedem Fall – weitersuchen ist angesagt. 

Inzwischen weiß man mehr und kennt auch vielversprechende Behandlungsansätze – doch effektiv vorbeugen lässt sich dieser schwerwiegenden Erkrankung aktuell kaum.  Damit wird es für Pferdefreunde natürlich schwer, ihre Pferde vor dieser gefährlichen Erkrankung zu schützen. Umso wichtiger sind rechtzeitige Erkennung und rasche Behandlung. Was sollten Pferdebesitzer wissen?

Zahlen, Daten, Fakten

Die vielleicht wichtigste Information für jeden Pferdefreund: Augenprobleme sind grundsätzlich als Notfälle einzustufen. Selber rumdoktern? Auf keinen Fall! Nur Tierärzte können eine korrekte Diagnose liefern und damit die passende Behandlung einleiten. Dazu braucht es nämlich nicht nur Fachwissen, sondern auch spezielle Diagnosetools. Damit und nur damit lässt sich erkennen, ob etwa der beobachtete Tränenfluss durch das staubtrockene Sommerwetter oder durch eine Hornhautverletzung ausgelöst wurde oder dass die aufgefallene Lichtscheu und Apathie eben durch eine ERU verursacht wurden. 

Im Fall der ERU ist eine frühe Diagnose von höchster Relevanz, obwohl es nach wie vor keine allgemeine, an der Ursache angreifende, heilende Therapie gibt – je früher und je konsequenter die Entzündungsschübe gemanagt werden, desto geringer die Schäden am Auge. Da Blindheit auf beiden Augen droht (über 50 % aller betroffenen Pferde erblinden früher oder später), kann eine effektive Behandlung Leben retten, und da jeder Entzündungsschub mit erheblichen Schmerzen einhergeht, ist sie auch tierschutzrelevant und verbessert die Lebensqualität des Patienten nachhaltig.

Auch wichtig: Zwar weist der Begriff „Uveitis“ auf eine Entzündung (-itis) der mittleren Augenhaut (Uvea) hin, doch ergreift der Krankheitsprozess häufig zahlreiche weitere Strukturen des Auges und kann bis zur Erblindung und zur Schrumpfung des gesamten Augapfels führen.

Zur Einordnung: Die ERU ist beim Pferd die häufigste Ursache für eine Erblindung und die am häufigsten diagnostizierte Augenerkrankung hierzulande. Sie kommt weltweit vor, wobei sehr trockene, heiße Gebiete weniger betroffen sind. Männliche und weibliche Pferde erkranken gleich häufig, alle Altersgruppen können betroffen sein. Es gibt eine eindeutige Rassedisposition, allerdings kommt die ERU in allen Pferderassen vor.

Was wissen wir über die Ursache(n)?

Nach heutigem Kenntnisstand wirken drei Faktoren zusammen: 

• fallweise eine unterschiedlich relevante genetische Prädisposition,

• verschiedene Auslöser für eine Uveitis, die quasi als „Initialzündung“ wirken und

• eine dadurch ausgelöste wiederkehrende Entzündung aufgrund einer Fehlleistung des Immunsystems.

Was die genetische Prädisposition angeht, sticht eine Rasse besonders hervor: Appaloosas haben im Rassevergleich ein um den Faktor acht erhöhtes Risiko, an einer ERU zu erkranken, zudem ist bei ihnen die Gefahr einer Erblindung und einer Erkrankung beider Augen höher als bei anderen Pferderassen. Studien konnten das für die Tigerscheckung (Leopard Complex Spotting) verantwortliche LP-Gen (das auch bei anderen Rassen mit Tigerscheckung vorkommt) eindeutig mit dem ERU-Risiko in Verbindung bringen. Heißt: Vor allem homozygote Träger (LP/LP) tragen ein hohes Risiko, doch werden natürlich nicht alle genetisch prädisponierten Pferde am Ende auch erkranken. Der konkrete Zusammenhang ist allerdings noch unklar: Ist das LP-Gen auch ursächlich verantwortlich für das hohe ERU-Risiko oder wird es nur rein zufällig gemeinsam mit dem kausal verantwortlichen Gen vererbt, etwa aufgrund direkt benachbarter Genorte? 

Auch bei manchen anderen Rassen kommt die ERU statistisch gesehen häufiger vor, wenn auch nicht in einer vergleichbaren Größenordnung: So konnten etwa Islandpferde, Paint Horses, Quarter Horses, Vollblüter und diverse Warmblutrassen als mit einem höheren Krankheitsrisiko behaftet identifiziert werden. Auch kennt man inzwischen einen weiteren genetischen Faktor, der in diesem komplexen Krankheitsgeschehen eine Rolle spielen könnte, „MHC“ oder „Major Histocompatibility Complex“.

Die Initialzündung kann durch unterschiedliche Faktoren geliefert werden, wobei Infektionen mit Leptospiren ganz an der Spitze zu stehen scheinen. Grundsätzlich aber scheint es immer einen Auslöser zu geben, der das Auge bzw. die Uvea schädigt und zu einer Entzündung führt. Dies kann eine Infektion mit den erwähnten Leptospiren sein, die bei Nagern häufig vorkommen und die über deren Urin ausgeschieden und vom Pferd aufgenommen werden können. Sie gelangen ins Auge und führen dort zu einer Entzündung, in deren Folge es wohl dann zu einer Fehlleistung des Immunsystems kommt. Doch auch zahlreiche andere Faktoren werden von Forschern aufgezählt – auf der Liste der üblichen Verdächtigen tauchen weitere Infektionserreger, Traumata, Parasiten oder ein Mangel an bestimmten Vitaminen auf. Da ist noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten…

Im Laufe der Zeit hat sich ein – allerdings vorläufiges – Bild der Krankheitsentstehung entwickelt, mit einer ursächlich zugrunde liegenden Störung der normalen Immunfunktion: Am Anfang steht wohl eine akute Uveitis, die durch ganz unterschiedliche Ursachen oder durch mehrere Ursachen (multifaktoriell) ausgelöst und durch eine genetische Prädisposition begünstigt wurde. Bei vielen Pferden bleibt es bei dieser einmalig auftretenden Erkrankung, bei anderen entwickelt sich, oft Jahre später, das typische Krankheitsbild einer ERU mit immer wieder auftretenden, schmerzhaften und zerstörerischen Entzündungen im…

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Text: Angelika Schmelzer