Beschwerdefrei durch korrektes Reiten!  

Interview mit Dr. Markus Scheibenpflug

„Richtig reiten reicht!“ – wer hätte gedacht, dass dieses berühmte Zitat des legendären Ausbilders Paul Stecken auch ECVM-Patienten Beschwerdefreiheit bringen kann? Oder, dass gar falsches Training bzw. Reiten die wahre Ursache ist für unklare Symptome, für die man schon die Halswirbelsäule verantwortlich machen wollte? Der Schweizer Tierarzt für Pferde Dr. Markus Scheibenpflug hat schon so manchem Patienten helfen können, indem einfach nur das Training umgestellt wurde. PFERDE fit & vital unterhielt sich mit ihm.

Mit welchen Symptomen werden Ihnen potentielle ECVM-Patienten vorgestellt?

Dr. Markus Scheibenpflug: Zur Abklärung kommen in erster Linie Pferde, die unklare Symptome wie Bewegungsauffälligkeiten oder mangelnde Rittigkeit zeigen und bei denen im Röntgenbild ein Befund am 6./7. Halswirbel festgestellt wurde. Die Symptome sind aber sehr unspezifisch und können von einer Vielzahl anderer Ursachen ausgelöst werden. Insofern gibt es ein „Symptom, das auf ECVM hinweist“ auch nicht. Ohnehin möchte ich nicht von einer „Malformation“ sprechen, sondern von der „Variation“. In meiner Praxis sehe ich sehr viele Pferde, die als ECVM-Patienten abgestempelt werden, aber völlig einwandfrei laufen, wenn sie anders geritten werden. Diese Pferde haben zwar einen Röntgenbefund, aber keine Einschränkungen, sobald sie korrekt gearbeitet werden und die Haltung optimiert wird. 

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „korrektes Arbeiten“?

Dr. Markus Scheibenpflug: Bei dem Bereich 6./7. Halswirbel handelt es sich um eine sogenannte biomechanische Übergangszone. Diese reagiert sehr empfindlich auf falsche Kopf-Hals-Positionen, wenn also die Pferde etwa zu eng gearbeitet werden. Die Folge können Bewegungsstörungen, Stolpern und sogar Stürze sein. In der Praxis sehe ich leider viel zu viele Pferdebesitzer, die die Ursache für Rittigkeitsprobleme und Bewegungsstörungen bei allem Möglichen suchen, nur nicht bei sich selbst. Ich sage nicht, dass es nicht auch Arthrosen an der Halswirbelsäule geben kann, welche diese Symptomatik verursachen. In den allermeisten Fällen ist die Ursache jedoch an anderer Stelle zu suchen – und ganz oft liegt sie beim Reiter. Arthrosen können aber auch durch falsches Reiten verursacht sein. 

Das heißt, durch die Umstellung des Trainings lässt sich sogar echtes ECVM managen? Und wie sieht das Training dann aus?

Dr. Markus Scheibenpflug: So ist es. Zunächst sollte man die Pferde zwei bis drei Wochen gar nicht reiten, sondern ohne Hilfszügel an der Longe laufen lassen, damit sie lernen, den Hals fallen zu lassen. Dann muss man daran gehen, die richtige Muskulatur aufzubauen bzw. zu stärken, damit die betreffenden Anteile der Halswirbelsäule entlastet werden. Der Hals muss an der Basis lang werden und der Unterhals darf nie herausgedrückt werden. Auch bei der Aufrichtung, also in gewölbter Haltung, muss das Nackenband gespannt sein. Nur dann kann der Rumpfträger aktiv werden. Daran muss der Reiter arbeiten und das bedeutet nicht, dass man die Pferde nur lang und auf der Vorhand laufen lässt.

Zum Foto: Der Hals muss an der Basis lang werden und das Nackenband gespannt, damit der Rumpfträger aktiv werden kann. Foto: Dr. Scheibenpflug