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“Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis”

Wir haben dem renommierten und weithin bekannten Ausbilder Michael Putz acht Fragen gestellt. Mit seinen Antworten eröffnet er uns einen Blick auf seinen Werdegang, seinen Alltag mit Pferden und seine diesbezüglichen Prinzipien.

Gibt es ein Motto, nach dem Sie persönlich die Ausbildung von Reiter und Pferd gestalten? Welche zugrundeliegenden Prinzipien sind Ihnen besonders wichtig?

Michael Putz: Aufgrund meiner Erfahrung bin ich überzeugt, dass es für jedes Pferd, egal welcher Abstammung, und jeden Reiter optimal ist, die Ausbildung korrekt und seriös nach den Grundsätzen der klassischen (deutschen) Reitlehre zu durchlaufen. Dabei soll der Individualität von Reiter und Pferd optimal Rechnung getragen werden. Pferdegerechtes Reiten und Ausbilden ist oberstes Gebot.

Theorie und Praxis müssen bei dieser besonders anspruchsvollen Sportart von Anfang an Hand in Hand gehen, Theorie darf deshalb nicht „grau“ dargestellt werden. Dem Reiter muss eigentlich ständig erklärt werden, warum er was wann und wie stark tun soll. Es gibt nur sehr wenige Reiter, die so begabt, ja begnadet sind, dass sie die meisten Dinge beim Reiten geradezu automatisch richtig machen. Übrigens sind solch geniale Reiter als Ausbilder meist nur bedingt wertvoll, weil sie großenteils unbewusst agieren und die Schwierigkeiten „normaler“ Menschen nicht nachvollziehen können.

 

Welche Ausbilder oder auch welche Ereignisse haben Sie persönlich in Ihrer Laufbahn als erfolgreicher Ausbilder besonders beeinflusst und geprägt?
Michael Putz: In meiner Jugend wirkten bei uns im RC Erlangen der Dressurreiter Gerd Borck und der Springreiter Otto Szameitat. Meine (Reiter-)Eltern Plettner ermöglichten mir beinahe tägliches Reiten und machten mich von Anfang an mit guter Fachliteratur bekannt, z.B. Bürgers „Vollendete Reitkunst“. Darüber hinaus vermittelten Sie mir Josef Neckermann als Arbeitgeber und Vorbild. Meine Frau, mit der ich jetzt seit 45 Jahren zusammen bin, kann mit Tieren, besonders Pferden – auch sehr speziellen – phantastisch umgehen; sie sieht auch beim Reiten alles und ist deshalb für mich der beste Helfer und Kontrolleur! Als ich 1980 die Landesreitschule in Vechta übernahm und dort erstmals die Aufgabe hatte, Lehrlinge und Ausbilder auszubilden und zu ihren Prüfungen zu geleiten, war ich vermehrt gefordert, ja gezwungen, mich sehr intensiv mit unserer anspruchsvollen Reitlehre zu befassen, um sie auch vermitteln zu können.

Paul Stecken, der mir als Ausbilderlegende bekannt war, holte mich 1985 als seinen Nachfolger nach Münster – welch eine Ehre, zugleich Ansporn, Vorbild und Verpflichtung! Er war mir bis zu seinem Tode der Gesprächs-partner und auch Freund. Auch manche Schüler hatten wichtigen Einfluss auf meine Entwicklung als Ausbilder (etwa Vanessa Way), sei es, dass sie besonders talentiert und/oder sehr wissbegierig waren. Bei jedem Lehrgang lerne ich von Reitern und Pferden dazu! Neben dem Reiten an sich spielen auch die Haltung und der Umgang mit dem Pferd eine relevante Rolle, um erfolgreich zu sein.

 

Was ist Ihrer Ansicht nach in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Michael Putz: Hier gelten die bekannten Grundsätze. Das Pferd als Herdentier sollte natürlich nicht in Einzelhaltung stehen. Als Lauftier braucht es die Möglichkeit auch zu freier Bewegung. Darüber hinaus sind Klimareize und auch persönliche Zuwendung wichtig (Vertrauen!).

 

Welche Eigenschaften braucht ein Reiter, um ein guter Reiter werden zu können?

Michael Putz: Zunächst einmal zur Klarstellung: Nicht jeder gute Reiter wird auch ein erfolgreicher Prüfungsreiter sein; dazu bedarf es neben einem besonders qualitätsvollen Pferd auch spezieller Eigenschaften und Fähigkeiten, die hier aber nicht Thema sind. Umgekehrt ist nicht jeder erfolgreiche Turnierreiter in meinem Sinne ein guter Reiter. Viele meiner heutigen Reiter starten nicht (mehr) auf Turnieren, wollen aber unbedingt „richtig“ reiten.

Folgende Eigenschaften kann ich in diesem Zusammenhang nennen:

• Ein entsprechender Körperbau (hochgeschlitzt) erleichtert manches; das bezieht sich auf relativ lange Extremitäten, besonders die Beine, im Vergleich zur Länge des Rumpfes

• Gute Beweglichkeit und Motorik

• Sicheres Bewegungsgefühl, letzteres zunächst für den eigenen Körper als Voraussetzung, dann für das Erfühlen des Pferdes Die Fähigkeit und Bereitschaft, mit Verstand zu reiten, ohne aber zu verkopft zu sein

• Genügend Fitness ( Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Koordination)

• Sichere Beobachtungsgabe, besonders für Bewegungsabläufe • Besonders entsprechende mentale

Eigenschaften erleichtern den Umgang mit dem Pferd:

· Ehrliche Achtung vor der Kreatur und Tierliebe

· Sensibles Einfühlungsvermögen und -bereitschaft · Große Geduld und Ausdauer, dann aber auch Konsequenz und Entschlossenheit

· Gelassenheit

· Absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und die Bereitschaft, eigene Fehler einzugestehen

· Neugier und ständige Lernbereitschaft

· Disziplin und Selbstbeherrschung

· Gesundes Selbstbewusstsein

 

Was macht Ihrer Ansicht nach einen guten Reiter aus – wie könnte man in Ihren Worten den „Erfolg“ eines Reiters definieren?
Michael Putz: Häufig hört man eine als Lob gedachte Beschreibung für einen Reiter, er sei ein starker Reiter. Vielleicht ist es richtig gemeint, aber durch diese Bezeichnung werden falsche Vorstellungen geweckt.

Gerade bei unseren modernen, leistungsbereiten Reitpferdemodellen von Warmblutpferden kommt es nicht in erster Linie auf besondere physische Stärke an – das gilt sogar bezüglich verdorbener Korrekturpferde! Alle Merkmale, die ich oben aufgeführt und teils auch beschrieben habe, ergeben einen „guten“ Reiter, natürlich jeweils in einer ganz individuellen Mischung. Das Wissen kommt vor dem Können. Damit meine ich, dass selbst der talentierteste Reiter in unserem höchst anspruchsvollen Sport ohne sichere Kenntnisse besonders der wichtigsten Zusammenhänge nie das Potenzial seines Pferdes optimal auszuschöpfen vermag – das gilt genauso bezüglich seines eigenen Potenzials! Pferde belauschen uns ständig, sie haben eine extrem feine Antenne, vor allem auch für die mentale Situation des Menschen. Sie können schon an der Körpersprache genau erkennen, mit welcher Einstellung (Attitüde), mit welcher Entschlossenheit man an sie herantritt, sich ihnen nähert, sei es auf der Weide, im Stall, beim Putzen und beim Satteln. Besonders gut können sie dies natürlich erkennen, wenn der Reiter auf ihnen sitzt und sie ihn direkt fühlen. Gerade bei eventuell notwendigen Korrekturen oder Ermahnungen kommt es darauf an, diese stets mit einer positiven Attitüde vorzunehmen.

Pferde lassen sich da auch nicht von einem forschen Auftreten täuschen, wenn sich der Betreffende seiner selbst nicht sicher ist und nicht daran glaubt, dass seine Hilfen vom Pferd verstanden und angenommen werden. Im Laufe eines Reiter- und Ausbilderlebens hilft es natürlich, auf den Erfahrungsschatz des Umgangs mit vielen verschiedenen Pferden und Schülern zurückgreifen zu können.

 

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei Pferden besonders wichtig?

Michael Putz: Bei Pferden schätze ich Sensibilität, einen vertrauensvollen Charakter, Leistungsbereitschaft, gutes Gleichgewicht und elastische Bewegungen, Schönheit. Manchmal sind natürlich gerade auch „spezielle“ Individuen besonders interessant und attraktiv!

 

Inwiefern bereichert Sie persönlich der Alltag mit Pferden bzw. als Ausbilder?

Michael Putz: Pferde erkennen, ähnlich wie Hunde, sofort, mit wem sie es zu tun haben, und reflektieren das auch. Sie sind beim Reitunterricht jeweils das wundervolle Medium, das dem Reiter sofort mitteilt, wenn er es richtig macht. Selbst Pferde, die mittel- oder gar längerfristig weniger richtig geritten wurden, nehmen richtiges Reiten sofort dankbar an. Mit Schülern zu arbeiten, die motiviert mitmachen, auch für Ungewohntes offen sind, die mitdenken (unsere Reitlehre ist absolut logisch) und einiges Talent und reiterliches Geschick mitbringen, macht besonders Freude. Allerdings kann es auch sehr befriedigend sein, „schwierigen Fällen“ mit Geduld und etwas Phantasie weiterhelfen zu können.

Zur Person:
Michael Putz Erfolgreicher Reiter aller Disziplinen bis zur Klasse S, Pferdewirtschaftsmeister und Träger des Goldenen Reitabzeichens, verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Ausbilder und Turnierrichter auf allen Ausbildungsstufen, sowohl in der Dressur als auch im Springen. Michael Putz zeigt in seinen Lehrgängen, dass seriöse, überlegte und gefühlvolle Ausbildung gemäß der klassischen Reitlehre optimal pferdegerecht ist. Darüber hinaus ist er Autor verschiedener Fachbücher und Fachartikel und Sachverständiger für Gerichte.

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