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Das alte Pferd aus physiotherapeutischer Sicht

Alte Pferde: Beweglich bleiben

Alterungsprozesse finden sowohl beim Menschen als auch bei unseren Vierbeinern statt. Aber allein an der Zahl gelebter Jahre kann nicht festgemacht werden, wie beweglich und belastbar ein Pferd ist.

“Mein Pferd ist schon über 20 und hat bestimmt Arthrose. Würden Sie ihn trotzdem einmal behandeln? Macht man das überhaupt Sinn bei einem alten Pferd?” Nicht selten, dass Besitzer mit dieser Frage an mich herantreten. Ja, das finde ich toll. Gerne komme ich. Aber: Wieso die Annahme, dass man bei einem älteren Pferd schlechtere Resultate erzielt oder die Behandlung sich nicht lohnen würde?

Die Behandlung eines 26 Jahre alten Wallachs bleibt mir besonders im Gedächtnis und ist beispielhaft, zeigt sie doch, wie gut sich die Lebensqualität durch gezieltes Gesundheitsmanagement verbessern lässt. Diesen Wallach hatte ich vor zwei Jahren, er war damals 24 Jahre, bereits behandelt. Damals fiel er für mich in die Kategorie „Großbaustelle”. Seine Rumpfmuskulatur war unterentwickelt, er bewegte sich entsprechend steif und zeigte ein eher unruhiges Verhalten.

Als ich ihn nun zwei Jahre später in Bewegung sah, hatte ich vor Freude fast Tränen in den Augen. Das Pferd bewegte sich deutlich losgelassener, war vom Wesen her ruhiger und viel zugewandter. Diese positive Entwicklung ist nicht alleine auf meine Behandlung vor zwei Jahren zurückzuführen, sondern vor allem auf die gute Umsetzung der Trainingstipps und Haltungsveränderungen durch Besitzer und Reitbeteiligung.

Das Altern

Der Begriff des Alterns ist nicht klar definiert. Wann endet die Entwicklung eines Lebewesens und wann beginnt das Altern? Oder ist das Altern einfach ein Teil der Entwicklung? Die Gerontologie (Alterswissenschaft) hat dazu unterschiedliche Antworten. Fest steht, dass die Körperzellen ihre physiologische Funktion im Laufe der Zeit verlieren. Von der Alterung sind grundsätzlich nahezu alle Bereiche des Körpers betroffen, sowohl Organe wie Herz, Leber und Verdauungsapparat als auch Gelenke, Faszien und Muskeln. Wie schnell dies jedoch geschieht, ist abhängig von inneren und äußeren Faktoren. Diese sind zum Teil so gut zu beeinflussen, dass Pferde bei entsprechender Fürsorge ein recht hohes Alter erreichen können.

Der Alterungsprozess äußert sich zum Beispiel in nachlassender Leistungsfähigkeit der Organe, die nicht mehr so schnell und effizient arbeiten. Beim Herzkreislaufsystem macht sich dies für den Pferdebesitzer bemerkbar, wenn das Pferd im Galopp schneller ermüdet und nach einer intensiveren Trainingseinheit mehr Zeit benötigt, um sich zu erholen. Zeigt das Pferd Auffälligkeiten in Atmung und Puls, sollten diese durch einen Tierarzt abgeklärt werden, um bei einem möglichen Befund Training und Haltung anzupassen. Abweichungen der Vitalwerte(s. Kasten) in Ruhe können nämlich auf eine Herzkreislauferkrankung hindeuten.

Eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) fällt meist erst ab einer bestimmten Schwere der Erkrankung auf. Das Herz kann bei einer Insuffizienz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen.

Um dies zu kompensieren, muss es zunächst die Frequenz des Herzschlages hochfahren, der Puls ist dann bereits in Ruhe erhöht. Pferde mit beginnender Herzschwäche zeigen zunächst einen schnelleren Puls und allgemeine Schwäche oder Leistungsschwäche.

Bei einer ausgeprägten Herzinsuffizienz fallen die Pferde durch schnelle und flache Atmung bereits in Ruhe auf. Der Puls ist erhöht, das Pferd zeigt sich schwach und gelegentlich apathisch. Durch die Schwäche des Herzens können sich in Bauch und Lunge Wasserablagerungen bilden. Diese sogenannten Ödeme in der Lunge können zu Husten führen. Die schlechte Blutversorgung zeigt sich ebenso in bläulichen Schleimhauten sowie in kalten Ohren und Beinen.

Die Leber als Hauptstoffwechselorgan arbeitet mit zunehmendem Alter nicht mehr so effektiv. Äußerlich sichtbar sind ein länger andauernder Fellwechsel, vermindertes Hufwachstum oder eine verlängerte Wundheilung nach Verletzungen.

Das Bindegewebe – also Haut, Muskulatur und Faszien – verliert sowohl an Elastizität als auch an Festigkeit: Die Unterlippe scheint beim Pferd länger, die Augenpartie wirkt eingefallen, der Rücken hängt oft mehr durch, die Beweglichkeit nimmt ab.

Arthrose = Abstellgleis?

Arthrose ist jedem Pferdebesitzer ein Begriff. Der Befund wird leider auch häufig damit gleichgesetzt, dass ein Pferd “nicht mehr nutzbar” ist. Dies trifft aber nicht immer zu. Es gibt Pferde jeden

Alters, bei denen auf den Röntgenbildern zwar deutliche Abnutzungserscheinungen und Veränderungen sichtbar sind, die sich aber ohne größere Schmerzzeichen bewegen. Dann wiederum gibt es Pferde mit extrem auffälligem Gangbild (Lahmheit, Steifheit, klamme Bewegung), bei denen aber in bildgebenden Untersuchungen nichts oder wenig gefunden wird. Deshalb ist es wichtig, das Pferd in Bewegung und in Ruhe gut zu beobachten, um Schmerzanzeichen und Bewegungsauffälligkeiten zu erkennen. Nicht nur feine Hände, die jede Auffälligkeit im Gewebe wahrnehmen, sondern auch ein Auge für Bewegungen machen einen guten Physiotherapeuten aus. Häufig kann er fühlen, was die bildgebenden Verfahren nicht sichtbar machen: Blockierte Gelenke, die sich wie eine klemmende Schublade nicht mehr frei bewegen können, verspannte Muskulatur und verklebte Faszien können in Ruhe und bei Belastung lokale und auch ausstrahlende Schmerzen verursachen. Ein blockiertes Gelenk kann die Austritts-stellen der Nerven verengen und diese irritieren, so dass entlang ihres Verlaufs durch den Körper Schmerz und Schwäche entstehen.

Unterschätzt werden sehr häufig Muskulatur und Faszien als Hauptursache für Schmerz! Verspannte Muskeln und verklebte Faszien (bindegewebige Hüllen, die den gesamten Körper durchziehen) zeigen beim jungen wie beim alten Pferd mal leichte, mal ausgeprägte Symptome, die sich physiotherapeutisch wunderbar behandeln lassen.

Die sogenannten Triggerpunkte – kleine Areale in einem Muskelstrang, die besonders schmerzhaft auf Druck, Dehnung oder Belastung reagieren – können übrigens Schmerzen verursachen, die mitunter auch zu unklaren Lahmheiten führen. Der Muskel kann dabei sowohl nur lokal empfindlich sein als auch ausstrahlende Schmerzen verursachen, die nicht immer mit dem Verlauf der Nerven übereinstimmen. Verspannte Muskulatur kann an Engstellen Nerven zusammendrücken oder Blut- und Lymphgefäße in ihrer Funktion deutlich einschränken.

Nachweisen lassen sich diese Zusammenhänge in keinem bildgebenden Verfahren. Nicht immer ist daher nur die diagnostizierte arthrotische Veränderung in einem Gelenk die Ursache von Lahmheiten und Einschränkungen in der Bewegung.

Arthrose

Arthrose ist die häufigste Erkrankung des passiven Bewegungsapparates im Alter. Unter Arthrose versteht man den degenerativen und unumkehrbaren Abrieb von Gelenkknorpel. Der eigentlich glatte und elastische Knorpel eines Gelenks wird dabei zerstört. Dies geht nicht selten einher mit Knochenveränderungen. Dabei handelt es sich um knöcherne Anbauten, die die Beweglichkeit schmerzhaft einschränken und schlussendlich das Gelenk auch durchbauen, d.h. der Gelenkspalt wird dabei knöchern überbrückt, das Gelenk ist dann nicht mehr beweglich und versteift. Zudem kommt es zu Veränderungen der umgebenden Gelenkkapsel, Muskulatur und Faszien.

Es beginnt ein Teufelskreis: Das Gelenk schmerzt, die Beweglichkeit wird eingeschränkt, Bewegungen werden vermieden, das Bindegewebe verkürzt und schränkt die Beweglichkeit noch mehr ein. Das Gelenk wird noch ungleichmäßiger belastet und die Abnutzung nimmt weiter zu. Andere Körperpartien werden mehr belastet. Deren Abnutzung ist überdurchschnittlich erhöht, so dass weitere arthrotische Veränderungen vorprogrammiert sind. Das Vermeiden von Bewegung ist aber generell keine Lösung. Der Gelenkknorpel ernährt sich durch Bewegung, daher kann wenig Bewegung die Entstehung einer Arthrose begünstigen. Bei akuten, starken Gelenkschmerzen sollte jedoch die Belastung vorübergehend deutlich reduziert werden. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn das gereizte Gelenk sich zusätzlich entzündet. Hier spricht man von einer Arthritis.

Zu berücksichtigen ist auch, dass alte Pferde mit arthrotischen Veränderungen oft wetterfühlig sind. Eine Verschlechterung tritt bei nass-kaltem Wetter auf. Die Pferde brauchen dann mehr Zeit, um sich einzulaufen. Im Sommer oder bei trockener Kälte fällt ihnen Bewegung leichter.

Haltung und Training bei Arthrose

Natürlich muss die Belastung individuell auf das Pferd angepasst werden. Generell gilt aber, dass Pferde mit Arthrose viele Bewegungsmöglichkeiten bei wenig Belastung bekommen sollten. Lange Aufwärmphasen im Schritt sind unerlässlich, um das Gelenk zu schmieren und geschmeidig zu machen.

Die Pferde bevorzugen meist Boden, der nicht zu nachgiebig, aber auch nicht zu hart ist. Dies sollte auch in der Haltung des Pferdes Berücksichtigung finden. Dem alten Pferd sollten bei Offenstall-haltung Rückzugsmöglichkeiten geschaffen werden, damit es sich ausruhen, in Ruhe fressen, sich aber auch vor Wind, Nässe oder Hitze schützen kann.

Ob diese Bedürfnisse erfüllt werden, ist bei Gruppenhaltung insbesondere dann genau zu beobachten, wenn das alte Pferd rangniedrig ist.

Die Muskulatur

Der Pferdekörper ist Meister im Kompensieren: Schwächen an der einen Stelle gleicht er an anderen Stellen aus. Das Pferd als Fluchttier muss jederzeit fluchtfähig sein, es muss körperlich in der Lage sein, schnell eine hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Für Fluchttiere sind körperliche Einschränkungen gefährlich. Sie sind dann übrigens häufiger schreckhaft, da sie eine potentielle Gefahr früher erkennen müssen. Oft sind solche Pferde nach einer physiotherapeutischen Behandlung, die ihnen mehr Beweglichkeit verschafft oder Schmerzen gelindert hat, ruhiger und entspannter, fühlen sich wieder sicherer.

Muskeln müssen stabilisieren, bewegen und gleichzeitig elastisch sein. Ihr Funktionieren ist in der Natur für das Pferd überlebenswichtig. Trainierbarkeit und Muskelmasse – nicht aber die Anzahl der einzelnen Muskeln – nehmen im Alter ab. Das Pferd kann etwas eingefallen wirken. Vor allem die Dornfortsätze der Brust- und Lendenwirbelsäule, die Hüft- und Kreuzhöcker und die Querfortsätze der Halswirbelsäule können dadurch prominenter erscheinen. Der Brustkorb senkt sich ab. Das ist im gewissen Rahmen physiologisch. Durch Training kann man dem Prozess entgegenwirken und die Stabilität deutlich verbessern.

Leider ist dieses eingefallene und eckige Erscheinungsbild auch oft bei jüngeren Pferden zu sehen. Hier ist die Ursache – wenn nicht ausgeprägte innere Erkrankungen vorliegen – sehr häufig im Training und in der Reitweise zu suchen. Typisch ist die Trageerschöpfung, die Pferde jedes

Alters betreffen kann. Bei der Trageerschöpfung ist die Rumpfmuskulatur nicht in der Lage, sich selbst aktiv gegen die Schwerkraft zu stabilisieren. Diese Pferde sind dann natürlich nicht in der Lage, ein zusätzliches Gewicht auf dem Rücken zu tragen, sondern müssen zunächst vom  Boden aus gearbeitet und physiotherapeutisch betreut werden.

Bestehen Gelenkprobleme, muss die Muskulatur Mehrarbeit leisten. Sie versucht, das Gelenk zu schützen und Bewegungen zu verhindern. Dadurch wird sie jedoch überlastet. Es bilden sich sogenannte Triggerpunkte in der Muskulatur, die den Muskel verkürzen. Verkürzte Muskulatur kann sich nicht mehr entspannen und vor allem entwickelt sie weniger Kraft. Zudem verkleben die Faszien, die es den Muskeln und Organen unter anderem ermöglichen, sich störungsfrei und gleichzeitig zu bewegen.

Diese sogenannten myofaszialen Verspannungen verschlechtern die Durchblutung: Der verspannte Muskel drückt auf die Blutgefäße, die Nervenaustrittslöcher in den Faszien werden eingeengt. Die Lymphbahnen werden ebenfalls zum Teil blockiert. Das Pferd wirkt fest und steif.

Physiotherapie und Osteopathie

Aus Sicht der Physiotherapie kann auf Veränderungen im Bewegungsapparat alter Pferde sehr gut positiv Einfluss genommen werden. Nein, den Gelenkknorpel, der abgerieben ist, kann der Physiotherapeut nicht ersetzen und auch die – bei fortgeschrittener Arthrose – bestehenden knöchernen Veränderungen kann er nicht wegtherapieren. Aber er kann den Teufelskreis durchbrechen und das Pferd vor erneuter Überbelastung schützen, die Beweglichkeit und Stabilisation der Gelenke positiv beeinflussen und Schmerzen lindern. Zeigt das Pferd eine ausgeprägte Lahmheit, sollte es natürlich in jedem Fall dem Tierarzt vorgestellt werden.

Nach meiner Erfahrung werden die besten Therapieergebnisse erzielt, wenn die verschiedenen Berufsgruppen – Tierarzt, Zahnarzt, Hufschmied, Trainer, Physio- oder Osteotherapeut und Tierheilpraktiker – zusammenarbeiten und je nach Bedarf eingesetzt werden. Gute

Abstimmung erfordert eine gewisse Transparenz und Koordination seitens der Pferdebesitzer.

Behandelt wird in der Physiotherapie nicht allein das betroffene Gelenk, sondern der gesamte Bewegungsapparat.

Ganzheitliche Betrachtung

Behandelt wird in der Physiotherapie nicht allein das betroffene Gelenk, sondern der gesamte Bewegungsapparat. Der Physiotherapeut kann aktiv oder passiv arbeiten. Aktiv bedeutet, dass er das Pferd motiviert, bestimmte Bewegungen auszuführen. Passiv kann der Therapeut das stehende Pferd manuell – also mit den Händen – behandeln. Dabei mobilisiert er Gelenke, Muskulatur und Faszien je nach Befund durch Dehnungen, Massagen,

Gelenkmobilisationen oder Faszientechniken. Auch die Anwendung von Wärme und Kälte oder der Einsatz von Hilfsmitteln, die die physiologische Funktion der Zellen verbessern, Schmerzen lindern und Heilungsprozesse beschleunigen, gehören in das Repertoire eines Physiotherapeuten.

Der Physiotherapeut sollte immer

• ein gründliches Vorgespräch mit dem Besitzer führen (Anamnese),

• das Pferd im “kalten” Zustand mit den Händen untersuchen,

• das Pferd in Bewegung auf hartem und weichem Boden beurteilen:

Passt die gezeigte Bewegung zum Exterieur des Pferdes?

Ist der Takt gestört?

Ist die Bewegung flüssig?

Ist es altersentsprechend elastisch?

Ist das Pferd stabil genug, um den

Reiter zu tragen, die Kutsche zu ziehen?

• die zugänglichen Teile des Bewegungsapparates hinsichtlich ihrer Beweglichkeit überprüfen und mit geeigneten Mitteln behandeln,

• einen professionellen Blick auf Zahnstatus, Fütterung, Ausrüstung, Hufe haben,

• die Mimik und das Verhalten des Pferdes bezüglich Unwohlsein, Schmerzäußerungen, Stress beobachten,

• über den Tellerrand hinaussehen und bei Bedarf Therapeuten anderer Fachrichtungen einbeziehen/empfehlen,

• Zeit investieren in eine gute und ganzheitliche Arbeit am Pferd.

Besonders, wenn der Physiotherapeut das erste Mal zu einem Patienten gerufen wird, muss ihm klar sein, dass er nur den aktuellen Zustand bewerten kann und nicht automatisch weiß, ob das Pferd vielleicht vor einem Jahr deutlich besser oder schlechter aufgestellt war. Eine gute Behandlung des Vierbeiners braucht fundiertes Fachwissen, aber auch ein gewisses Geschick im Umgang mit Pferd und Besitzer. Dieser sollte in seinen Bemühungen um das Pferd unterstützt und begleitet werden. Das ist nicht nur, aber gerade bei den Senioren besonders wichtig!

Kann ich mein altes Pferd noch reiten?

Diese Frage lässt sich leider nicht allgemein beantworten. Wenn Sie unsicher sind, ist es unerlässlich, das Pferd von einem Physio- oder Osteotherapeuten untersuchen zu lassen. Dieser muss das Pferd gründlich im Stand und in Bewegung beurteilen.

Ein Pferd ist von Natur aus nicht zum Tragen von Lasten geboren. Um das Reitergewicht zu tragen, muss das Pferd lernen, seinen Rücken aufzuwölben und diesen zu stabilisieren. Ebenso muss es seinen Brustkorb gegen die Schwerkraft anheben. Aus dem Fluchttier Pferd, das von Natur aus mit hoch erhobenem Kopf und angespannter Rückenmuskulatur maximale Geschwindigkeiten über kurze Zeit erreicht, muss ein Reitpferd werden. Dieses Reitpferd soll den Reiter über zum Teil längere und häufig langsame Reiteinheiten mit stabiler, aufgewölbter Rückenlinie tragen. Die kleinen, stabilisierenden Muskeln, die die Wirbelsäule, die Vorder- und auch die Hintergliedmaße wie ein Korsett halten, müssen gut ausgebildet sein, um den in der Regel größeren “Bewegungsmuskeln” ein stabiles Fundament für eine reibungslose Fortbewegung zu bieten. Und: Sie müssen nicht nur stark genug sein, den eigenen Körper zu tragen, sondern zusätzlich noch ein Reitergewicht. Es ist somit nicht korrekt, als alleiniges

Kriterium dem Pferd einen bestimmten Prozentsatz seines eigenen Körpergewichts zuzumuten. Wenn 1/7 des Körpergewichts des Pferdes als Obergrenze für das mögliche Reitergewicht angesetzt wird, dann sollte dies voraussetzen, dass das Pferd – wie oben beschrieben – in der Lage ist, ein zusätzliches Gewicht ohne Schaden zu tragen. Im Alter nehmen bekanntlich Kraft und Elastizität ab. Deshalb ist die Frage der Belastbarkeit bei unseren Senioren besonders wichtig.

Auf der anderen Seite muss das ältere Pferd bewegt werden, um belastbar zu sein und soweit es geht beweglich zu bleiben. Das funktioniert nicht ohne angepasstes Training.

Kann das Pferd nur sein eigenes Körpergewicht tragen, so darf es nicht mehr geritten werden. Dann kann es aber wunderbar vom Boden aus gearbeitet werden oder ist eine Begleitung beim Spaziergang.

Ist es im Rumpf stabil genug, empfiehlt sich der meist ausgeglichene und besonnene Senior als tolles Pferd für leichte oder unsichere Reiter. Oder er gibt dem unerfahrenen Jungpferd in der Ausbildung Sicherheit und kann dort fantastische Dienste leisten. Es gibt immer wieder Pferde, die auch im fortgeschrittenen Alter im Sport fit, motiviert und erfolgreich sind!

Haltungsbedingungen

Die meisten Pferde bewegen sich zu wenig. Selbst wenn Boxenpferde täglich Weidegang haben, reicht dieser nicht aus, um den Bewegungsapparat des Pferdes geschmeidig zu halten.

Auf kleinen Weiden mit saftigem Grün bewegen sich die meisten Pferde nicht mehr als nötig. In einem durchdachten Aktivstall und auf großen Weideflächen sieht das oft anders aus. GPS-Sender an Pferden zeigen dort die ausreichende Bewegungsquantität häufig an.

In unserer heutigen Pferdehaltung gibt es leider Extreme, die eine vorzeitige Alterung beschleunigen:

1. Das Pferd, das schon in jungen Jahren spezialisiert und zu früh zu stark

belastet wird:  Dieses Pferd steht größtenteils in der Box und wird nur für kurze Einheiten mit unzureichender Aufwärmphase, zu hohem Reitergewicht oder unphysiologisch erzwungener Haltung bewegt. Es wird zu früh und zu schnell belastet. Die Wachstumsfugen sind beim Pferd zum Teil erst mit fünf bis sechs Jahren vollständig geschlossen. Eine Reitweise, die die Anatomie nicht berücksichtigt, schlechte Ausrüstung, mangelnde Hufbearbeitung, schlechte Fütterung

und auch anatomisch-physiologisch negative Zuchtziele sind dann zusätz-liche Beschleuniger des Alterns und der Abnutzung von Körperstrukturen.

2. Das Pferd, das sich die Beine in den Bauch steht und keine ausreichenden Trainingsreize bekommt: Der Körper des Fluchttieres Pferd ist auf viel Bewegung ausgerichtet. Aber: Der Körper ist faul. Er schafft nur so viel Material (Knochendichte, Festigkeit im Bindegewebe), wie benötigt wird.  Bewegt sich das Pferd zu wenig – und das häufig schon in der Aufzucht – wird der Bewegungsapparat nicht stabil ausgelegt. Die Belastbarkeit ist dann gering, die kurzzeitige Belastung zu hoch. Selbst täglicher ganztägiger Auslauf in einem kleinen Offenstall und regelmäßige, aber zu geringe und reizarme Trainingsimpulse können zu wenig sein. Die Strukturen werden nicht belastbar, nutzen schneller ab. Es ist also unerlässlich, das Pferd in unserer heutigen Haltung zusätzlich zu bewegen.

Im Alter überwiegen nicht mehr die aufbauenden, sondern die abbauenden Prozesse. Ist das Gewebe das ganze Leben lang auf einem hohen Niveau, dann wird es auch den physiologischen abbauenden Prozessen im Alter länger und besser entgegenstehen können. Das Pferd ist dann auch im hohen Alter fit! Der regelmäßige Besuch des Hufschmiedes oder -bearbeiters ist beim Senior absolute Notwendigkeit. Das alte Pferd sollte zudem, genau wie das junge Pferd, mindestens einmal im Jahr vom Fachmann untersucht werden. Hierzu zählen der Physio- oder Osteotherapeut, der Pferdezahnarzt und der Tierarzt.

Der Pferdebesitzer als Therapeut 

Neben dem oben genannten, angepassten und wichtigen Training gibt es einige Übungen und Handgriffe, mit denen Beweglichkeit und Geschmeidigkeit verbessert werden können: Gründliches Putzen mit einem weichen Striegel oder einer Massagebürste ist wohltuend und regt die Durch-blutung von Haut und Muskulatur an.

Spezifische Übungen sollten immer vom Physiotherapeuten an das Pferd angepasst werden. Nicht jeder Handgriff ist auf ein anderes Pferd zu übertragen. Was dem einen hilft, kann für den anderen zu viel oder zu wenig sein. Deshalb beschränke ich mich bewusst bei den gezeigten Übungen auf flächige Ausstreichungen der Muskulatur und sanft auszuführende Beweglichkeitsübungen.

Beobachten Sie ihr Pferd dabei genau: Ausweichbewegungen und Veränderungen im Gesichtsausdruck des Pferdes verraten, ob es die Übungen gut toleriert. Schließlich möchten Sie Ihren Senior unterstützen und nicht verärgern! Die Pferde zeigen sehr genau, wie ihr Befinden ist. Wir müssen die Sprache nur verstehen und reagieren. Beginnt Ihr Pferd während der Übung zu kauen, senkt es entspannt den Kopf und drückt sich der massierenden Hand entgegen, dann läuft alles richtig!

Weicht es aus, spannt es die Muskulatur um Auge und Lippen verstärkt an, war der Druck entweder zu hoch oder das behandelte Areal ist zu schmerzempfindlich und bedarf fachmännischer Behandlung.

Die Übungen können zweimal pro Woche ausgeführt werden. Bewegen Sie ihr Pferd vorher mindestens zehn Minuten im Schritt, damit es leicht aufgewärmt ist.

Ebenso wichtig ist, dass das Pferd nach den Übungen Bewegung bekommt. Schließlich soll die neue Beweglichkeit direkt umgesetzt, gespeichert und gefestigt werden!

Text: Denise Gerling, Fotos: Thiemann, Trio Bildarchiv

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