Inhalt der Frühjahr-/Sommer-Ausgabe
30. April 2017
Im Fall der Fälle: Giftnotrufzentrale
30. April 2017
Freie Bewegung – pferdegerecht gestalten

Unsere Pferde sind Herden-, Flucht- und Lauftiere, das lernen schon die ganz jungen Pferdefreunde, wenn sie für den Basispass Pferdekunde pauken. Immer mehr wird dieses Wissen in die Praxis umgesetzt, immer häufiger werden Pferde so gehalten, dass ihre arttypischen Bedürfnisse erfüllt werden. Die Befriedigung des Bewegungsbedürfnisses nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.


Häufig zeigt sich, dass die entsprechende Gestaltung des Lebensumfeldes auch andere wichtige Ansprüche des Pferdes an seine Haltung fast nebenbei berücksichtigen kann. Damit dies gelingt, braucht es belastbare Kenntnisse über das natürliche Bewegungsverhalten unserer Pferde.

Natürliche Bewegung
„Natürlich“ – das ist nicht nur im Zusammenhang mit unseren Pferden ein Begriff, der inflationär verwendet, aber nur selten trennscharf definiert wird. Zudem wird „natürlich“ oft mit „gesund“ oder „gesundheitsförderlich“ gleichgesetzt, was nicht immer zutrifft. Sicher ist, dass die freie Bewegung und nur die freie Bewegung auch eine natürliche Bewegung ist, denn das Gerittenwerden ist von Mutter Natur nicht vorgesehen. Weder die Anatomie noch die Gangmechanik des Pferdes ist für diese Art von Belastung ausgelegt. Umso wichtiger ist es, unseren Pferden so oft wie möglich die Chance zu geben, sich frei zu bewegen. Wie sieht diese Bewegung aus?
Wo der gewöhnliche Pferdefreund herumlaufende Pferde sieht, sieht der Verhaltensforscher „Lokomotionsverhalten“, was im Grunde dasselbe ist, aber besser klingt. Wenn sich Ethologen mit dem Pferdeverhalten beschäftigen, tun sie dies bevorzugt durch Forschung an wildlebenden Pferden. Man spricht dann von Feldversuchen, während Untersuchungen an domestizierten, in der Obhut des Menschen lebenden Artgenossen als Laborversuche anzusehen sind. Dieser Unterschied ist wichtig, denn nur unter natürlichen Lebensumständen werden Pferde auch ihr natürliches, also ihr angeborenes und unter arttypischen Lebensverhältnissen angeeignetes Verhalten vollumfänglich zeigen, und nur dieses taugt als Maßstab. Bei solchen Feldforschungen erstellen Verhaltensforscher auch ein Ethogramm, eine Art Inventurliste des Verhaltens. Was sagt diese Inventurliste über das Lokomotionsverhalten, die natürliche Fortbewegung unserer Pferde aus? Und welche Schlüsse können und sollten Pferdefreunde daraus ziehen?

Warum bewegen sich Pferde?
Jede Aktion geht eine Motivation voraus: Pferde brauchen einen Grund für alles, was sie tun, so wie wir Menschen auch. Selbst, wenn sie sich scheinbar „nur so“ bewegen, ohne aus menschlicher Sicht „wichtigen“ Grund, liegt ein Bewegungsanreiz vor – vielleicht wurde ein Laufspiel ausgelöst durch die Spielaufforderung eines Herdenmitglieds.
Pferde sind ursprünglich Steppentiere, und diese Herkunft wirkt bis heute nach. In einer Steppe sind die Ressourcen Wasser und Futter oft weit voneinander entfernt und so mussten die Vorfahren unserer Hauspferde täglich weite Strecken zurücklegen, um Hunger und Durst zu stillen. Sie mussten ihre Wanderungen dem Futterangebot und den vorhandenen Wasserstellen anpassen. Pferde bilden deshalb keine Reviere, sie sind nicht territorial.
Hunger und Durst sind endogene, im Inneren der Pferde entstehende Bewegungsanreize. Auch das Bedürfnis, sich zu wälzen, zum Schlaf auf einem sicheren Platz abzulegen oder sich an einem passenden Baum zu scheuern, sind solche endogenen Anreize. Wir kennen außerdem exogene, von außen auf das Pferd einwirkende Bewegungsanreize – Bewegung kann beispielsweise ausgelöst werden durch Artgenossen, die ein Laufspiel initiieren, oder durch Feinde, die sich annähern und eine Flucht notwendig machen. Ein wichtiger exogener Reiz ist das Wetter: Selbst an unseren Hauspferden ist oft zu beobachten, dass sie von kaltem, windigem Wetter zu intensiven Laufspielen angeregt werden – sie rennen sich warm. Und ein weiterer, für uns Reiter entscheidender exogener Reiz sind unsere Einwirkungen auf das Pferd, die allerdings nicht als „natürliche Bewegungsanreize“ gelten können: Wir bringen unsere Pferde dazu, sich unter dem Sattel, an der Longe, in der Führanlage, vor der Kutsche zu bewegen.

Wie viel bewegen sich Pferde?
Wie oft, wie schnell, für wie lange sich wildlebende Pferde bewegen, hängt also von zahlreichen Faktoren ab, wobei vor allem die Ressourcen Wasser und Futter bestimmend sind. Bei großem Futterangebot und nahe gelegenen Wasserquellen werden kürzere Strecken zurückgelegt, ist das Futter aber karg, liegt die nächste Wasserstelle weit entfernt, nehmen wilde Pferde auch lange Strecken unter die Hufe. Forschungen kommen auf Mittelwerte um etwa 10 km täglich, wobei insgesamt ziemlich regelmäßig 16 Stunden täglich in Bewegung verbracht werden. Kaum je legen Pferde längere Strecken am Stück in hoher Geschwindigkeit zurück, es gilt das Motto „langsam und lange, schnell und kurz“. Das ergibt sich daraus, dass beim Pferd Futteraufnahme und Vorwärtsbewegung Hand in Hand – oder besser, Huf in Huf – gehen. Langsam grasend geht das Pferd Schritt für Schritt mit gesenktem Kopf voran. Nur auf der Flucht, beim Spiel oder Kampf wird regelmäßig auf höhere Geschwindigkeiten geschaltet.
So ergibt sich in der Summe ein Bild, dass uns deutlich sagt, was „natürliche Bewegung“ für unsere Pferde bedeutet: Es heißt, sich langsam über lange Zeiträume vorwärts zu bewegen, wobei die zurückgelegten Strecken verhältnismäßig kurz sind (zum Vergleich: Ein menschlicher Spaziergänger legt pro Stunde etwa fünf Kilometer zurück – hochgerechnet auf
16 Stunden Bewegung täglich (16 x 5 =
80 km!) wird der Unterschied zur Bewegung unserer Pferde deutlich.

Welche Bewegungen zeigen Pferde noch?
Interessanterweise finden wir bei der Beantwortung dieser Frage deutliche Geschlechtsunterschiede. Ausgerechnet zahlreiche Elemente der Hohen Schule können wir in fast identischer Form auch bei Pferden in freier Bewegung beobachten, dann aber stets gekoppelt an die Interaktion mit Artgenossen. So zeigen etwa männliche Pferde Varianten des Trabs, die in Richtung Piaffe und Passage gehen – sie werden vor allem eingesetzt, um die Kollegen zu beeindrucken, sind Teil des Imponiergehabes. In ernsten oder gespielten Auseinandersetzungen lassen sich stark ritualisierte Bewegungsabläufe beobachten, mit Elementen wie gegenseitigem Ansteigen (Pesade und Levade), Seitengängen, engem Umkreisen und raschem Herumwerfen auf der Hinterhand. Ohne die zumindest vermutete Anwesenheit eines anderen Pferdes werden auch Hengste in freier Wildbahn diese Verhaltensweisen aber nicht zeigen.
Stuten dagegen üben sich zwar auch in Laufspielen, rennen dabei aber relativ unbeteiligt nebeneinander her und spielen nicht so viel im Körperkontakt wie Wallache und Hengste. Ihre Auseinandersetzungen sind statischer: Laut keifend stehen die Damen mit einander zugekehrten Hinterteilen und lassen die Hinterhufe fliegen, bis eine nachgibt.
Beide Geschlechter können rückwärtsgehen, wobei das Rückwärtsrichten interessanterweise dieselbe Folge zeigt wie der Trab (diagonal) und nicht etwa wie der Schritt.
Welche Bewegung zeigen freilebende Pferde nicht?
Ganz klar: Pferde in freier Wildbahn springen nur im Ausnahmefall und dann auch nur, wenn keine andere Möglichkeit besteht, wenn also etwa auf der raschen Flucht ein Hindernis überwunden werden muss. Solche Sprünge sind im Grunde in die Vertikale und/oder Horizontale verlängerte Galoppsprünge, sie eignen sich für die Überwindung natürlicher Hindernisse wie Baumstämme oder Bachläufe im schnellen Lauf. Haben es Pferde nicht eilig, werden sie größer dimensionierte Hindernisse, die sich nicht überschreiten lassen, eher umgehen.
Ein wichtiger Unterschied zu den unterm Reiter gezeigten Gangarten besteht auch im Aufwand: Flache, ökonomische Gänge sind in freier Natur ein Wettbewerbsvorteil, sie sind wesentlich effektiver als kadenzierte Tritte mit hoher Aktion oder das für manche Rassen typische „Schlenkern“ zur Seite. Eine Ausnahme ist das bereits erwähnte Imponierverhalten der Hengste, da wird natürlich auch über erhabene Gänge gezeigt, was man für ein toller Kerl ist. Auch beim Spiel kommen typisch „übertrieben“ wirkende Gangvarianten zum Ausdruck, manchmal verbunden mit wildem Kopfschlenkern oder anderen „ausufernden“ Bewegungen.

Welche Schlüsse ziehen wir?
Aus dem Gesagten wird deutlich, dass Pferde sich so viel bewegen, wie es entsprechende Anreize gibt. Es reicht also nicht, sie auf einen schönen Paddock zu verfrachten und mit einem freundlichen „Na, nu´ lauf mal schön!“ in die Freiheit zu entlassen. Es wäre auch falsch anzunehmen, unseren Pferden ginge es besser, wenn sie sich etwa auf der Suche nach Futter nicht bewegen müssten, sondern stattdessen faulenzen dürften, oder anzunehmen, sie müssten bei Gefahr nicht flüchten, da sie ja in der sicheren Box stehen.
Es gibt, vereinfacht gesagt, so etwas wie eine eingebaute Zeitschaltuhr, und es gibt auch eine Art Liste, die jedes Pferd abarbeitet. Über sehr lange Zeiträume haben sich nicht nur die Verhaltensweisen des Pferdes entwickelt, sondern auch seine Anatomie und Physiologie. Das führt dazu, dass unsere Pferde körperlich erkranken, wenn sie sich nicht so (auf die Art und Weise, in passender Gangart, für ausreichend lange Zeiträume, …) bewegen können, wie ihre arttypischen anatomischen und physiologischen Vorgaben dies erfordern. So wird etwa die „Synovia“ genannte Gelenkschmiere durch stete, ruhige Bewegung besonders gleichmäßig und intensiv regelrecht in die Knorpelschichten der Gelenke einmassiert – wichtig, weil nur durch sie der Knorpel ernährt werden kann, da es darin keine Blutgefäße gibt. Die Strukturen der Körperoberseite, also vor allem die langen Rückenmuskeln, das Nackenband und die Nackenplatte werden nur dann physiologisch gedehnt, wenn das Pferd über lange Zeiträume mit gesenktem Kopf und Hals voranschreitet. Die Verdauung leidet, wenn das Verdauungssystem nicht beständig leicht durchgeschüttelt wird, während das Pferd sich vorwärts bewegt – Koliken drohen. Die Unterstützung des venösen Rückflusses aus den Hintergliedmaßen fehlt bei Bewegungsmangel, angelaufene Beine sind die Folge. Was die Evolution über lange Zeit fein aufeinander abgestimmt hat, existiert bis heute unverändert. Kurz: Fehlt die Gelegenheit zur natürlichen Bewegung, leidet das Pferd körperlich.
In unseren Pferden gibt es allerdings auch einen Stundenplan, eine täglich abzuarbeitende Liste, die ebenfalls Resultat langer evolutionärer Entwicklungen ist. Verknüpft mit dem eingangs erwähnten Ethogramm, dem Verhaltensinventar, sind immer auch eine Art Zeitvorgaben für die gezeigten Verhaltensweisen, Time Budget genannt. Wie der Stundenplan einer Schule oder der geregelte Tagesablauf erwachsener Menschen gibt dieses Time Budget vor, wieviel Zeit mit welcher Verhaltensweise ungefähr verbracht wird. Werden diese Vorgaben nicht wenigstens näherungsweise erfüllt, entsteht im Pferd Druck, Stress, ein Triebstau. Es kann nicht so, wie es muss, wie es ihm seine Gene regelrecht befehlen, und dann sucht sich irgendwann dieses angestaute Bewegungsbedürfnis ein Ventil. Die Geburtsstunde von Problemen, die wir Menschen dann netterweise als „Unarten“ bezeichnen … Unsere Pferde leiden also auch seelisch, sie entwickeln Verhaltensstörungen oder Probleme im Umgang und bei der Nutzung.

Freie Bewegung fördern: Im Stall
Selbst in Offenställen mit reichlich Platz und Herdenhaltung fehlen oft Bewegungsanreize. Werden bei der Gestaltung des Stalls unterschiedliche Funktionsräume baulich definiert, lässt sich bedeutend mehr an Bewegungsmotivation „herauskitzeln“ als in einem konventionell errichteten Stall. Bei einem solchen Mehrraumlaufstall findet eine räumliche Trennung der Funktionsbereiche Futteraufnahme, Schlaf und Ruhe, Trinken, Komfortverhalten und anderen statt. Ein Pferd muss also immer wieder von A nach B laufen, wenn es trinken, fressen, schlafen, spielen, sich scheuern will. Ergänzt wird diese Form der Haltung häufig dann noch durch ein Fütterungssystem, das besser an die arttypischen Bedürfnisse der Pferde angepasst ist als die sonst meist übliche Fütterung zweimal täglich: Gefüttert wird entweder Raufutter ad libitum, es steht also stets Futter zur Verfügung, oder es wird mehrmals täglich Futter in relativ kleinen Portionen vorgelegt, oft auch mittels automatisierter Fütterungssysteme.
Ein zweiter Faktor ist die Haltung in Gruppen. Der Artgenosse bringt durch seine bloße Anwesenheit häufige Anlässe für Bewegung, indem Lauf- und/oder Raufspiele initiiert oder kleine Auseinandersetzungen ausgetragen werden. Bei der Haltung im Offenstall liefert auch die Umgebung Anreize, denn immer wieder tauchen interessante Objekte irgendwo am Horizont auf und die ganze Gruppe stürmt ins Freie, um den Spaziergänger mit Regenschirm, den Fesselballon oder den Traktor gespannt zu beobachten. Schließlich kann auch der Stalluntergrund so geartet sein, dass Bewegung ermöglicht oder gefördert wird. Vor allem die bewegungsfreudigen Wallache und Hengste tragen sehr gerne Raufspiele aus, die nach einem Muster ablaufen und Elemente wie gegenseitiges Ansteigen oder Umkreisen enthalten. Diese Aktionen wie auch einfaches Jagen lassen sich auf weichem, griffigen Untergrund besser durchführen als auf hartem Pflaster. Auch in diesem Zusammenhang zeigen sich die positiven
Effekte einer Trennung in Funktionsbereiche, denn diese räumliche Trennung geht möglichst mit einer unterschiedlichen Gestaltung der Untergründe einher: Eingestreute Schlafbereiche laden zum gemütlichen Nickerchen ein, gepflasterte oder betonierte Fresszonen lassen sich gut reinigen und weich, aber trittsicher konzipierte Zonen dazwischen fördern die freie Bewegung. Zahlreiche Hersteller bieten für all diese Bereiche eigens geschaffene und durchdachte Konzepte an, von der Stallmatte bis zum Paddockpflaster.

Freie Bewegung fördern: Auf der Weide
Nichts ist langfristig so gesund für unsere Pferde wie der tägliche Weidegang in der Gruppe. Dabei wird auf arttypische Weise Bewegung mit Futteraufnahme verknüpft und so das Bewegungsbedürfnis befriedigt. Wann immer möglich, sollten Pferde – auch außerhalb der eigentlichen Weidesaison – täglich freien Auslauf genießen. Sie können etwa während der Weideruhe bei starkem Frost und ausreichend Schneeauflage zum Toben nach draußen entlassen werden. Schlechtwetterpaddocks sollten dieses Angebot überall dort ergänzen, wo keine Gruppenauslaufhaltung möglich ist.
Weidegang befriedigt vor allem dann das Bewegungsbedürfnis unserer Pferde, wenn
• sie nicht alleine, sondern in der Gruppe, mindestens aber zu zweit weiden dürfen,
• die Weiden im Grundriss eher langrechteckig als quadratisch und
• für verschiedenen Gruppen aneinander angrenzend oder zumindest in Sichtweise zueinander gelegen sind.
Gerade bei Laufspielen lässt sich etwas beobachten, was „Stimmungsübertragung“ genannt wird. Pferde können sich gegenseitig „anstecken“ – einer bekommt das große Laufen und nach und nach machen alle anderen mit. Auch zum Spielen braucht es mindestens einen Partner, besser mehrere. Gruppen oder Partnerschaften von Pferden gleichen Geschlechts funktionieren dabei besser, da erwachsene Stuten und Wallache bzw. Hengste ihr Bewegungsbedürfnis unterschiedlich stillen: Wallache und Hengste tragen oft hingebungsvoll stundenlang Kampfspiele miteinander aus, aber kaum je mit Stuten, Stuten bevorzugen Laufspiele, raufen aber kaum je spielerisch. Langrechteckig angelegte Weiden laden mehr zu Verfolgungsjagden ein als quadratische.

Wichtige Ergänzung: Laufband und Co
Führanlagen, Laufbänder und Aquatrainer sind in größeren Ställen inzwischen recht häufig zu finden. Sie werden allerdings eher zur Rekonvaleszenz oder als Ergänzung des Trainings eingesetzt und weniger bewusst zur Deckung des Bewegungsbedarfs. Sicher sind sie geeignet, zusätzlich zur Arbeit unter dem Sattel für Ausgleich zu sorgen, es fehlen aber natürliche Bewegungsanreize und die Art der Bewegung entspricht nicht immer den arttypischen Bedürfnissen unserer Pferde, da entsprechende Programme eher an den Erfordernissen des Trainings ausgerichtet sind, es wird also hauptsächlich getrabt. Günstig sind Laufbänder mit guter Dämpfung, da die Pferde darauf geradeaus und auf weichem Boden bewegt werden. Auch rundovale Führanlagen sind positiver zu bewerten als auf einem Zirkel angelegte. Der Reiter darf aber nicht übersehen, dass diese Form der Bewegung aus Sicht seiner Pferde eher langweilig ist, etwa so, als würde man einen passionierten Jogger tagtäglich in die Sporthalle verbannen, um dort Runde um Runde zu drehen …
Eine gute Ergänzung zur Arbeit unter dem Sattel ist Bodenarbeit. Nicht nur Longieren und Doppellongenarbeit, auch Arbeit an der Hand, Langzügelarbeit und Handpferdreiten sind geeignet, Bewegungsdefizite ein wenig abzumildern. Vor allem das Handpferdreiten ist eine leider fast in Vergessenheit geratene Kunst, die für das Handpferd zahlreiche Vorteile bringt: Es darf sich an der Seite eines Artgenossen frei vorwärts bewegen, ohne eine Last zu tragen. Dazu braucht es aber ein zuverlässiges Führpferd, einen gut ausgebildeten Reiter und nicht zuletzt ein Gelände, das diese Spielart des Trainings erlaubt.

Und was ist mit Boxenhaltung?
Nicht nur im Hinblick auf die Befriedigung des natürlichen Bewegungsbedarfs ist reine Boxenhaltung ein „No go“. Die in der Box beim Hin-und-her-Treten oder Kreisen zurückgelegten Strecken sind vernachlässigbar gering und entsprechen in keiner Weise dem natürlichen Bewegungsablauf. Bewegungsanreize fehlen völlig, ebenso wie die Verknüpfungen von Bewegungsbedarf mit dem Bedürfnis nach Sozialkontakten oder der Futteraufnahme. Boxenhaltung ist eine die arttypischen Bedürfnisse unserer Pferde nicht einmal ansatzweise befriedigende Haltungsform, die lediglich dem Interesse des Menschen dient. Auch als „abgemilderte“ Form, etwa als Fensterbox oder Paddockbox, kann sie wichtige arttypische Bedürfnisse all unserer Pferde nicht erfüllen, das Bewegungsbedürfnis am wenigsten. Immer noch werden „Gründe“ für die vermeintlichen Vorteile der Boxenhaltung genannt, die sich aber leicht entkräften lassen:
• Boxenhaltung biete dem Pferd einen sicheren Rückzugsdort, da es die Box als sein Revier betrachte > Pferde bilden aber keine Reviere, wie wir wissen.
• Boxenhaltung sei vor allem für Sportpferde die beste Wahl, da sie bei Gruppenauslaufhaltung an Ausstrahlung verlören > Ausstrahlung wird hier meist mit einer durch Bewegungsmangel verursachten hohen Grundspannung verwechselt.
• Boxenhaltung sei für wertvolle Pferde unbedingt notwendig, da die Verletzungsgefahr bei Herdenhaltung viel zu groß sei > Die Häufigkeit vor allem schwerer Verletzungen durch Artgenossen ist weitaus geringer als allgemein angenommen, dieser geringen Wahrscheinlichkeit steht die nachgewiesenermaßen größere Gefahr von Lahmheiten, Koliken und Atemwegsproblemen sowie das erwiesene Leid und die geringere Lebenserwartung von Boxenpferden gegenüber.
Natürlich hat Boxenhaltung ihren Platz, wo sich andere Haltungsformen verbieten: In Kliniken oder Ausbildungsställen ist eine Unterbringung in Gruppen nicht möglich und nicht sinnvoll. Oft
lässt sich aber in Ausbildungsbetrieben zumindest ein Paddockboxenstall einrichten, der etwas mehr Freiheit bietet.
Wer seinem Pferd freie Bewegung auf pferdegerechte Weise ermöglichen will, muss vor allem an der Haltung ansetzen. Eine artgerechte Haltungsform ist nicht nur besser fürs Pferd, sondern entlastet auch den Reiter, der vom Zwang des täglichen Trainings befreit wird. Er weiß sein Pferd gut untergebracht, weil seine pferdetypischen Bedürfnisse auch ohne dauerndes Zutun des Menschen erfüllt werden. Reiten wird so dauerhaft zum „Darf“ statt zum „Muss“, und so sollte es auch sein. Angelika Schmelzer

Lesen Sie den gesamten Artikel in der neuen Ausgabe der PFERDE fit&vital 1-2017.

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