Interview über Zeckenschutz für Pferde
30. April 2017
Fit & Vital mit… Nathalie Penquitt
30. April 2017
Der Kreislauf – das Körper-Kraftwerk

Wenn wir vom Kreislauf sprechen, meinen wir meist nicht einen Kreislauf – eine
Abfolge von regelmäßig wiederkehrenden Vorkommnissen ohne definierten Anfang oder vorhersehbares Ende – sondern den Kreislauf, den Blutkreislauf.
Uns ist bewusst, dass der beständig quasi im Hintergrund ablaufende Blutfluss mit seiner zentralen Kraftquelle, dem Herzen, von großer Bedeutung ist. Für unsere Pferde gilt dies ebenso, wir teilen mit ihnen den grundsätzlichen Bauplan und die wichtigsten Funktionen.

Verkehrswegeplan
Auf den ersten Blick wirkt eine Übersicht über das Blutkreislaufsystem wie eine Landkarte, auf der alle Wege und Straßen verzeichnet sind – vom kleinsten Reitpfad bis zur sechsspurig ausgebauten Autobahn. Tatsächlich handelt es sich beim Blutkreislauf um ein Transport-
system, mit dem „Güter“ wie Sauerstoff, Kohlendioxid, Nährstoffe und Stoffwechselabbauprodukte, Botenstoffe, Zellen und Gerinnungsmittel, Wasser und Wärme im Körper verteilt werden. Wer genauer hinsieht, entdeckt aber einen entscheidenden Unterschied: Im Straßenverkehr sind die meisten Wege in beide Richtungen befahr- oder begehbar, das Blutkreislaufsystem dagegen besteht zur Gänze aus Einbahnstraßen. Und ein weiterer Unterschied: Verkehrsmittel verfügen alle über einen eigenen Antrieb, der „Motor“ des Kreislaufs dagegen ist das zentral gelegene Herz. Sein Schlag setzt sich als Druckwelle, Puls genannt, durch das „Straßennetz“ Blutkreislauf fort.

Einmal herum
Zum Blutkreislauf gehören also das Herz als Motor und ein System von Blutgefäßen. Es geht in diesem Kreislauf aber nicht einfach einmal im Kreis herum, vielmehr passiert das Blut das Herz pro Runde gleich zweimal, bevor es wieder an seinen Ausgangspunkt gelangt. Deshalb müsste man eigentlich von „den Herzen“ sprechen statt von „dem Herz“, und statt von „einem Blutkreislauf“ besser von „den beiden Blutkreisläufen“. Die Blutgefäße, auch Adern genannt, lassen sich ebenfalls in zwei Kategorien einteilen: Venen und Arterien.
Natürlich ist das menschliche wie das Herz unserer Pferde ein einziges Organ. Es ist ein sich rhythmisch zusammenziehender Hohlmuskel mit insgesamt vier Kammern. Als zentrales Antriebsorgan besteht das Herz allerdings aus zwei funktionellen Untereinheiten, jede zuständig für einen der beiden Blutkreisläufe. Jeweils zwei der vier Hohlräume des Herzens – immer ein Vorhof (Atrium) und eine Hauptkammer (Ventrikel) – arbeiten zusammen und dienen als Antrieb für eines der beiden miteinander verbundenen Kreislaufsysteme: den kleinen Kreislauf oder Lungenkreislauf und den großen oder Körperkreislauf. Die rechte Herzhälfte mit Vorhof und Kammer treibt das Blut durch den kleinen Kreislauf, die linke Herzhälfte mit Atrium und Ventrikel ist der Antrieb für den großen Kreislauf. Warum zwei Kreisläufe? Das Blut muss zum einen durch die Lunge fließen, um dort Kohlendioxid abzuladen – das wird dann ausgeatmet – und neuen Sauerstoff aufzunehmen. Es muss aber auch durch den Körperkreislauf, der den Organismus bis in die entlegenste Zelle mit frischem Sauerstoff und anderen „Gütern“ versorgt und gleichzeitig den „Müll“ abholt. Deshalb: Zwei Aufgaben, zwei Wege, zwei Antriebe.
Das Blut fließt in Blutgefäßen, die je nach Fließrichtung als Vene (aus den Organen zum Herz) oder als Arterie (vom Herz zu den Organen) bezeichnet werden. In schematischen Darstellungen des Blutkreislaufs fällt eine farbliche Unterscheidung auf: Manche Anteile sind blau, andere rot gekennzeichnet, wobei sich nicht einfach sagen lässt, dass Arterien immer rot, Venen immer blau dargestellt würden – das wäre ja auch zu einfach. Diese Farbgebung kennzeichnet vielmehr sauerstoffreiche (rot) und sauerstoffarme (blau) Anteile. Von der Lunge kommende, zum Herzen fließende Venen sind also natürlich rot, denn das Blut wurde frisch mit Sauerstoff „beladen“; aus dem Körper zum Herzen führende Venen dagegen sind blau gekennzeichnet, sie haben ihren Sauerstoff abgeladen. Entsprechend sind vom Herz in Richtung Lunge führende Arterien blau, sauerstoffarm – in ihnen fließt das zuvor von den Venen aus dem Körper zum Herz transportierte Blut, das sich im Herz neuen Schwung geholt hat für die Reise durch die Lunge. Im Körperkreislauf führen Venen also sauerstoffarmes, Arterien sauerstoffreiches Blut, im Lungenkreislauf transportieren Venen sauerstoffreiches, Arterien sauerstoffarmes Blut.

Tauschgeschäfte
Ein gutes Straßennetz braucht nicht nur Autobahnen, sondern auch Pfade und Gässchen, damit jeder Ort verkehrstechnisch zugänglich ist. Die Funktion dieser schmalen, engen Wege übernehmen im Organismus die Kapillaren – und wie im Straßennetz auch fließt hier der Verkehr sehr viel langsamer als auf den Autobahnen, den großen Blutgefäßen. Deren Aufgabe ist es, lange Strecken möglichst schnell zu überbrücken, die Funktion der Kapillaren dagegen sind Tauschgeschäfte. Alle Waren, die im Blut transportiert werden, müssen irgendwo ab- und aufgeladen werden, und das geschieht in den kleinsten Blutgefäßen. Während LKW dazu oft stundenlang an Rampen geparkt werden müssen, ist Blut auch während der Ladevorgänge immer in Bewegung. Allerdings ist die Fließgeschwindigkeit in den Kapillaren minimal; diese Gefäße sind so eng, dass etwa die roten Blutkörperchen sie nur hintereinander aufgereiht passieren können, quasi im Gänsemarsch.
Die vom Herzen wegführenden Kapillaren heißen Arteriolen, die zum Herz gerichteten Venolen. Das feine Geflecht aus Kapillaren wird auch Kapillarnetz genannt. Diese Kapillarnetze sind somit auch das Bindeglied zwischen den beiden Blutkreisläufen, hier geht das arterielle System in das venöse über. Sichtbar sind die Kapillaren für das bloße Auge übrigens nicht, so fein sind diese Gefäße – aber an der Färbung von Schleimhäuten etwa in der Nasenhöhle oder an der Bindehaut lässt sich erkennen, ob das Kapillarnetz gut durchblutet ist oder nicht – ein wichtiger Hinweis auf den aktuellen Zustand des Kreislaufs!
Beim Passieren des Kapillarnetzes finden zweierlei Tauschgeschäfte statt.
Zum einen kommt es in der Lunge zum pulmonalen Gasaustausch: Sauerstoff gegen Kohlendioxid. Angetrieben von der rechten Herzhälfte, erreicht sauerstoffarmes, mit Kohlendioxid beladenes Blut die Lunge, wo es durch feinste Kapillaren gepresst wird und über die dünnen Wände dieser Blutgefäße das Kohlendi-oxid an die Lungenbläschen abgibt um im Gegenzug Sauerstoff erhält. Ein zweites Tauschgeschäft findet überall im Körper dort statt, wo Organe über das Kapillarnetz versorgt werden: Hier werden alle über das Blut transportierten Waren – etwa Nährstoffe oder Sauerstoff – aus dem Inneren der Blutgefäße ins Gewebe abgegeben, aus dem Gewebe wiederum werden Abfallstoffe – Stoffwechselendprodukte – ins Innere der Blutgefäße überführt. Dieser Stoffaustausch ernährt das Gewebe und ermöglicht den Weitertransport von organischem Müll zu den Organen Niere und Leber, die mit dessen Abbau und Ausscheidung beauftragt sind.

Hilfsmotoren
Ohne Antrieb macht der stärkste LKW schlapp und kann seiner Aufgabe nicht nachgehen, ohne den Motor Herz herrschte im Blutkreislauf absoluter Stillstand. Die vom Herz erzeugte Druckwelle setzt sich als Blutdruck im ganzen Gefäßsystem fort. Je größer die Entfernung vom Herzen und je kleiner das Gefäß, desto mehr nimmt der Blutdruck aber ab. Hat das Blut das Kapillarnetz passiert, ist der Blutdruck besonders niedrig. Wie nun das Blut – etwa aus den Hintergliedmaßen eines Pferdes, also über einen langen Weg und entgegen der Schwerkraft – zurück zum Herzen transportieren, wo es neuen Schwung erhält? Unterstützung gibt es durch „Hilfsmotoren“, Skelettmuskulatur, die über ihre Aktivität angrenzende oder eingelagerte Venen immer wieder komprimiert und entlastet und so das Blut darin vorantreibt. Spezielle Venenklappen sorgen dafür, dass es nicht mehr völlig zurücksackt. Sie arbeiten als Rückschlagventile und schließen sich, wenn das herzwärts gedrückte Blut infolge der Schwerkraft wieder zurückfließen möchte. Diese Hilfsmotoren – die Muskulatur insbesondere der Hinterhand – sind also, anders als das Herz, nicht andauernd tätig, ohne ihre Aktivität aber „versackt“ das Blut regelrecht. Daraus erklärt sich, dass es bei längeren Ruhephasen zu Schwellungen vor allem im Bereich unterhalb der Sprunggelenke, bei Wallachen und Hengsten auch des Präputiums kommen kann, manchmal sogar am Unterbauch. Betroffen von solchen Schwellungen sind neben älteren Pferden, deren Herzleistung nachlässt, vor allem Pferde aus nicht artgerechter Haltung.
Körper überwacht ständig
Nicht nur das Herz sorgt dafür, dass genügend Druck im Kreislaufsystem herrscht, auch das Gesamtvolumen des Blutes spielt eine Rolle. Was wir schlicht „Blut“ nennen, ist eine fein austarierte, beständig flexibel korrigierte Mischung aus Zellen und einer „Plasma“ genannten wässrigen Lösung. Im Plasma finden wir Nährstoffe, Abfallprodukte, aber auch Hormone. Damit das Blut auch so fließt, wie es soll, wird die Konzentration all dieser Stoffe ständig überwacht und notfalls korrigiert.
Kann das Blut seinen vielfältigen Aufgaben nicht mehr gerecht werden, sind die Folgen im gesamten Organismus spürbar. Zu bedenken ist stets auch, dass eine Minderversorgung mit Sauerstoff alle Organe in ihrer Leistungsfähigkeit einschränkt und eine zusätzliche Belastung dadurch hervorgerufen wird, dass nun auch Abfallprodukte nicht mehr entsorgt werden können. Kreislaufprobleme sind deshalb Notfälle!
Text und Fotos: Angelika Schmelzer
Kreislauf in Not
Trotz der ständigen Überwachung des Körpers können ganz
erhebliche Probleme auftreten. Für den Pferdehalter sind dabei drei mögliche Szenarien besonders wichtig, die alle zu einem
Blutvolumenmangelschock führen können, einem Zusammenbruch des Kreislaufs infolge zu geringen Blutvolumens.

1)
Eine mögliche Ursache ist Wassermangel, ausgelöst durch Wasserentzug (defekte Selbsttränken), oft in Kombination mit ungewöhnlich hohen Wasserverlusten (Diarrhoe, Schwitzen). Verschiebt sich das Verhältnis von zellulären Bestandteilen zum Blutplasma zuungunsten des Plasmas, beeinflusst dies die Fließeigenschaften und den Blutdruck negativ.

2)
Nimmt das Blutvolumen insgesamt ab, etwa infolge einer
Blutung, kann es zu einem hämorrhagischen Schock kommen. Solche Blutungen treten bei Unfällen auf, aber auch im Zusammenhang mit Blutgerinnungsstörungen (beim Pferd eher selten) oder ganz spontan und hochdramatisch beim Abriss bzw. Riss der Aorta.

3)
Auch im Zusammenhang mit Koliken, vor allem beim Darm-verschluss (Ileus) kommt es zu schweren Verschiebungen im Wasserhaushalt des Pferdes, in deren Folge der Kreislauf ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bitte beachten! Wenn Sie Symptome feststellen:
Kreislaufprobleme sind Notfälle!

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