Fit & Vital mit… Nathalie Penquitt
30. April 2017
Inhalt der Frühjahr-/Sommer-Ausgabe
30. April 2017
So geht’s topfit auf große Tour!

Damit dieses Erlebnis durchweg positiv gestaltet werden kann, ist eine gute Vorbereitung unverzichtbar. Was ist zu tun, damit sich Ross und Reiter sicher und fit auf die lange Tour in fremdes Terrain begeben können?

Beste Bedingungen schaffen
Unbedingte Voraussetzungen beim Pferd sind laut der bayerischen VFD-Wanderrittführerin (VFD = Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland e.V.) Tatjana Pitroff eine stabile Sattellage und ein gutmütiger Charakter. Auch müsse sich das Pferd in schwierigen Situationen sicher handhaben lassen. VFD-Übungsleiterin Marion Sieg in Berlin/Brandenburg sieht neben der Trittsicherheit und einer soliden Grundausbildung vor allem die Verkehrssicherheit des Pferdes als eine der wichtigsten Voraussetzungen. Denn ohne diese sei das Reiten „über Land heutzutage nicht mehr denkbar, da vielerorts stark befahrene Straßen oder Baustellen und ähnliche potentielle Gefahrenquellen passiert werden müssen“. Weitere vorbereitende Maßnahmen seien die Gewöhnung an zusätzliches Gepäck auf dem Rücken, den Aufenthalt im Freien und an fremde Ställe und Pferde sowie wechselndes Futter, variable Futterzeiten, abwechslungsreiches Reiten bzw. Arbeiten und die Festigung des Vertrauens zwischen Reiter und Pferd.
Zur Gewöhnung an den Aufenthalt im Freien und Vorbereitung an die verschiedenen Bedingungen in täglich wechselnder Umgebung geht Tatjana Pitroff wie folgt vor: „Zum Anlernen stelle ich einfach einen Paddock auf der Koppel auf und lasse das Pferd über Nacht darin stehen. Es empfiehlt sich, einen Kumpel daneben in einen separaten Paddock zu stellen“. Damit könne man dem Pferd beibringen, dass es auf engerem Raum unter freiem Himmel bleiben soll. Hat es sich daran gewöhnt, könnten Wochenendtouren durchgeführt werden, wobei das Pferd dann jedes Mal eine Nacht in fremder Umgebung verbringt.
Auch das Aufbautraining für zusätzliches Gepäck beim Wanderritt sollte im Vorfeld erfolgen. „Die Pferde gewöhne ich an das Gepäck, indem ich zuerst vielleicht nur eine Jacke hinten aufbinde. Gerne habe ich auch eine Tüte dabei, die ich während dem Reiten einfach mal rascheln lasse und dem Pferd raschelnd über die Kruppe streiche“. Anschließend können die Satteltaschen erst leer und dann jeden Tag mit etwas mehr Gewicht aufgeschnallt werden. Damit sollte etwa acht Wochen vor dem Wanderritt begonnen werden, um dem Pferd Zeit zu geben, die entsprechenden Muskelpartien aufzubauen.
Ebenso müsse das sichere Anbinden des Pferdes über einen längeren Zeitraum in der Vorbereitungsphase geübt werden, denn ein Problem vieler Pferde sei, dass sie besonders in fremder Umgebung angebunden nicht ruhig stehen. Tatjana Pitroff übt das Anbinden bereits bei sich im Stall. „Dort habe ich einen Baum, an dem der Strick von oben angebunden ist. So kann ein Pferd, das sich losreißen will, nicht die Kraft aufbringen, Strick und Halfter abzureißen. Eher wird es umfallen, und das überlegt sich das eine oder andere Pferd dann doch. Ich lasse hier das Pferd auch mal bis zu zwei Stunden einfach angebunden stehen und kann es somit ein wenig beobachten“. Wendet oder dreht sich das Pferd, beachtet sie es überhaupt nicht. Ihre Erfahrung habe gezeigt, dass das Nichtbeachten mehr bringt als es ständig zu beruhigen. Klappt das, reitet sie später verschiedene Gaststätten oder Stationen an, wo sie das Pferd dann in fremder Umgebung genauso anbindet wie zuvor geübt. Bei Wanderritten mit großer Beteiligung werden die Pferde in den Mittagspausen übrigens ähnlich angebunden: Hierzu wird ein langes Seil zwischen zwei Bäumen gespannt, an dem die Pferde parallel nebeneinander mittels Sicherheitsknoten angebunden werden. Das verhindert ein Verfangen oder Verheddern der Stricke mit Hals und Kopf oder ein Drauftreten mit den Hufen.

Kondition schrittweise aufbauen
Sind alle diese Grundvoraussetzungen vorhanden oder verbessert, kann mit der konkreten Vorbereitung des Wanderreitpferdes begonnen werden. Eine gute Grundkondition alleine reicht bei weitem nicht aus, deshalb muss im Vorfeld eine spezielle Kondition aufgebaut werden, um Überlastung und Unfällen vorzubeugen – und dies laut Marion Sieg langfristig. Ein guter Zeitpunkt sei, im April zu beginnen und zwei- bis dreimal in der Woche längere Ausritte zu machen. An den Wochenenden könnten dann anschließend zusätzlich Tagesritte durchgeführt werden, zunächst überwiegend im Schritt, bis zum Sommer hin dann mit längeren Trab- und Galoppphasen.
Was gar nicht gehe, sei beispielsweise drei Wochen vor einem geplanten Wanderritt mit längeren Ausritten zu beginnen und diese bis kurz vor Beginn des Wanderrittes durchzuziehen. „Im Gegenteil, gerade die letzten zwei bis drei Wochen sollten nur noch leichte Ausritte unternommen werden, damit das Pferd seine Reserven speichern kann“, rät Marion Sieg.
Tatjana Pitroff sieht das ähnlich und ergänzt, dass sich die Pferde während eines Wanderrittes selbst „auftrainieren“. „Ich merke dies immer so nach dem dritten oder vierten Tag, wenn mein Pferd immer fitter wird“.
Auch Christiane Ferderer von der Bundesgeschäftsstelle des VFD empfiehlt das zeitige und leichte Training im Frühjahr und merkt an, dass dabei nicht die Geschwindigkeit, sondern die Steigerung der Ausdauer wichtig sei. Drei- bis viermal wöchentlich rund zwei Stunden im Gelände sei bereits ein gutes Training. „Längere Trabphasen sind ideal als Ausdauertraining. Das Pferd ist ein Lauftier und legt in der Natur bis zu 30 Kilometer am Tag zurück. Daher ist eine Tagesetappe von
20-25 Kilometer für ein durchschnittlich konditioniertes und gesundes Pferd gut zu leisten. Nicht die Strecke tötet, sondern das Tempo“. Sind Ritte in bergige Regionen geplant, sollten unbedingt auch Hügel in die Vorbereitung einbezogen werden. Notfalls müsse man „halt mal mit dem Anhänger zum nächsten Berg fahren“.

Professioneller Trainingsplan
Die Wanderreiter-Experten Robert Claus (www.robert-claus.de) und Monika Persing (www.monika-persing.com) empfehlen als ideale Vorbereitung für die Wanderreitsaison ein professionelles Trainingsprogramm. „Neben der Konditionsschulung, die den Schwerpunkt des Trainings bildet, können Gymnastizierungsübungen bei entsprechender Planung ideal mit in das Programm eingebaut werden“. Sie raten, zu Beginn des Trainings Biegungen um Bäume und das Rückwärtsrichten in schmalen Durchgängen zu üben. Ab der zweiten Woche können die Trabpassagen auf fünf Minuten ausgedehnt werden und die Schrittphasen dauern etwa 15 Minuten. Mit diesen Intervallen wird dann gut zwei Wochen gearbeitet. Am Wochenende werden Ausritte über vier bis sechs Stunden mit zweistündiger Mittagspause durchgeführt. Dabei lernen die Pferde, ihre Kraft zu dosieren, sich in den Pausen auszuruhen und zu regenerieren. Danach beginnt ein intensives Ausdauerprogramm mit folgendem Trainingsplan: „In der ersten Trainingswoche geht es vorwiegend im Schritt über eine vorher festgelegte Strecke von circa 20 Kilometern“. Dabei dauern die Trabpassagen höchstens zwei bis drei Minuten. In den Folgewochen gibt es dann schon längere Trababschnitte von rund zehn Minuten. In dieser Phase beginnt dann auch die Messung der PAT-Werte des Pferdes. Die Pulswerte misst man entweder mit einem Stethoskop oder mit Zeige- und Mittelfinger zwischen Röhrbein und Sehne. „Der Pulswert sollte dann nicht mehr als 80 Schläge in der Minute betragen. Nach drei oder fünf Minuten sollte wieder gemessen werden. Liegt der Wert zwischen 60 und 70 Schlägen, kann das Training bedenkenlos fortgeführt werden“, so Robert Claus. Beträgt der Puls nach drei Minuten mehr als 80 Schläge in der Minute und ist der Wert nach fünf Minuten nicht deutlich unter 70 Schlägen oder beschleunigt er sich sogar, war das Tempo zu schnell. Hier empfehlen die Wanderreit-Experten den Abbruch des Trainings, um dem Pferd ein paar Tage Ruhe zu gönnen – kein Totalabbruch, sondern das Einlegen einer sogenannten „aktiven Erholungspause“. Aktive Erholung bedeutet vorwiegend Schritt reiten ohne Belastungsspitzen. Einige Tage später erfolgt dann die Wiederaufnahme des Trainings in begrenzterem Umfang mit kurzen Trabstrecken.
Das Ausdauertraining erstreckt sich von März bis Anfang Juni über drei bis fünf Tage in der Woche, wobei die Trabphasen von Woche zu Woche ausgedehnt werden. „Die Trainingsgeschwindigkeit bewegt sich in diesem Bereich bei Tempo sechs bis sieben (Tempo 6: 10 km/h; Tempo 7: 8,6 km/h)“. Im Fokus stehe hierbei die Ausdauer mit Laufzeiten von acht bis zehn Stunden. „Entscheidend ist also nicht die Geschwindigkeit, in der geritten wird, sondern das Durchhaltevermögen des Pferdes“. Die längeren Wochenendausritte werden im Wanderreittempo durchgeführt, in erster Linie im Schritt und langsamen Trab. „Auf diesen Ritten können Geländeschwierigkeiten wie bergauf/bergab, Wasserdurchquerungen, Situationen im Straßenverkehr, Hindernisse im Gelände, Stufen, das Winden um Bäume und auch der eine oder andere Sprung geübt werden“. Aber auch das ruhige Stehen der Tiere in den Pausen und das Führen auf steilen Abhängen sollten Bestandteil des Trainings sein.
Den Abschluss des aktiven Trainingsprogramms bilden Tempowechsel mit kurzen Galopppassagen und schnellem Trab (Tempo 3 bis 4: 15 – 20 km/h). „Nach jedem schnellen Abschnitt geht es deutlich langsamer weiter (Tempo 6). Auch das dosierte Galoppieren gehört zum Training“. Robert Claus empfiehlt das Galoppieren in einer kleinen Gruppe. Am Ende des Trainingsprogramms könnten die ersten kleineren Wanderritte von zwei bis vier Tagen unternommen werden, bevor es auf die lange Tour geht.

Zeitaufwand und Reiterfitness
Das Wanderreiten sowie seine Vorbereitung erfordern einen höheren Zeitaufwand als beispielsweise Dressur- oder Springreiten. Wichtig ist, dass das Pferd täglich mindestens eine Stunde bewegt wird, so Claus. „Falls das Training aus Zeitgründen nicht so intensiv durchgeführt werden kann, sollte der Wanderritt dem Ausbildungsstand des Pferdes angepasst werden. Dann ist es kein viertägiger Wanderritt, sondern es werden vielleicht nur zwei oder drei Tage. Oder die Etappen werden gekürzt und ein oder zwei Tage an die Tour angehängt“. Auch könnten den Pferden öfter Pausen gegönnt werden oder der Reiter läuft länger neben dem Pferd her.
Die Kondition des Reiters muss zwar nicht so gut sein wie beim Distanzreiten, entscheidet aber darüber, „ob der Wanderritt zum Vergnügen oder zum Desaster wird“. Claus empfiehlt die Sportarten Laufen, Schwimmen oder Radfahren zur Steigerung der Kondition. Da der Reiter beim Wanderreiten auch laufen muss, sei Joggen am sinnvollsten. Das Training beginnt mit der Auswahl einer ein bis drei Kilometer langen ebenen Strecke. „Je nach Gefühl und persönlicher Ausdauer wird nur drei bis fünf Minuten locker gelaufen, dann fünf Minuten schnell gegangen, das Ganze wird dann dreimal wiederholt und dreimal in der Woche durchgeführt“. Sinnvoll seien ein bis zwei Tage Pause zwischen den Laufeinheiten. Schon nach wenigen Wochen stellten sich die ersten Erfolge ein, die Laufstrecken werden länger und die Pausen kürzer. „Das Ziel sollte sein, bis zu 30 Minuten locker durchzulaufen“.
Eine Alternative zum Lauftraining ohne Pferd sei das 15 bis 20 Minuten lange Führen des Pferdes im schnellen Schritt bei den Ausritten, am besten in hügeligem Gelände. „Wird dann noch auf ebener Strecke ein bis zwei Minuten gejoggt, ist das Training perfekt“. Dr. Birgit van Damsen
Lesen Sie den gesamten Artikel in der PFERDE fit & vital 1-2017.

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