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Auch wenn Decken deutlich mehr mit Kälte und damit mit dem Winter in Verbindung gebracht wird, können sie auch im Sommer wirksamen Schutz fürs Pferd bieten.
Zu den Problemen der Jahreszeit gehören Insekten und übermäßige Hitze. Welche Decken bieten echten Schutz? Unter welchen Umständen ist das Eindecken im Sommer sinnvoll? Wie viel Decke ist überhaupt gut fürs Pferd? Dieser Frage sind wir gemeinsam mit Züchter und Buchautor Ingolf Bender und weiteren Experten auf die Spur gegangen.

Mechanische Insektenabwehr durch Fliegendecken
„Die beste Decke ist die durch weitgehend natürliche Haltung klima-trainierte Pferdehaut”, betont Buchautor und Pferdeexperte Ingolf Bender. Trotzdem: Als mechanische Insektenabwehr dienen den meisten Pferdehaltern neben Masken vor allem Decken. Bei Fliegendecken sollten Halter am besten auf jene Modelle setzen, die den gesamten Körper einhüllen. Sie lassen sich mit einer Fliegenmaske sinnvoll ergänzen.
Bauchlatz, Halsteil und Schweifabdeckung bieten den nötigen Schutz vor Insekten. Durch spezielle Netzmaterialien haben die lästigen Brummer keine Chance mehr, an den Pferdekörper zu gelangen. Eine geeignete Decke ist leicht, liegt dicht am gesamten Körper an und ist mit ausreichend Gurten zu befestigen. Fransen an den Decken können hilfreich sein, Insekten zu vertreiben. Die günstigen Modelle bieten auf der Weide allerdings einen sehr geringen Schutz. Eine Bremse sticht schon mal durch – und auch Bauch, Hals und Kopf bleiben häufig frei.
Auch zum Reiten haben zahlreiche Anbieter Decken im Programm, die das Pferd an Hals und Bauch schützen. Lediglich die Sattelfläche wird ausgespart – eine sinnvolle Investition vor allem bei Pferden, die mit Nesselsucht und vergleichbaren Problematiken auf Insektenstiche reagieren.
Jedoch sollten Decken keinesfalls übermäßig eingesetzt oder als Allheilmittel gesehen werden, erklärt Experte Ingolf Bender: „In der Natur wehren Pferde Insekten durch Muskelzittern, Schütteln und Wälzen ab. Decken können diese natürlichen Abwehrbewegungen des Pferdes teils behindern.“

Fliegendecken mit Permethrin
Während engmaschige Fliegendecken bei empfindlichen Pferden durchaus sinnvoll sein können, raten viele Experten von Insektenschutzdecken mit dem abwehrenden Mittel Permethrin ab. Die Schweizer Veterinärin Dr. Sybille Fleury erklärt: „Einige Insektendecken enthalten Permethrin, was Insekten wirkungsvoll fernhält. Permethrin ist aber ein Nervengift, was bedeutet, dass die Pferde diesem Gift durch die Decke permanent ausgesetzt sind.“ Aus eigener Erfahrung kann sie von damit einhergehenden Problemen berichten: „Ich hatte einen dramatischen Fall eines hustenden Pferdes. Es bekam Antibiotika und wurde immer kranker, verweigerte sogar das Fressen. Zum Glück erwähnte die Besitzerin die Insektenschutzdecke. Wir starteten den Versuch, die Decke nicht mehr aufzulegen und der Zustand des Tieres besserte sich augenblicklich. Es gibt viele Individuen, die auf das Nervengift reagieren, wenn auch nicht alle Pferde. Die Stallkatze darf beispielsweise überhaupt nicht damit in Berührung kommen, da sie den Stoff aufgrund eines fehlenden Enzyms im Körper nicht abbauen kann und sich damit vergiftet.“ Pferde, die zur Schlachtung vorgesehen sind, dürfen ebenfalls nicht mit dem Mittel behandelt werden.
„Welche Art von Decke man wählt, also welches Material Verwendung findet, muss individuell probiert werden“, betont Ingolf Bender. „Was bei einem Pferd funktioniert, kann einem anderen schaden. Das Material muss optimal passen, was viel Erfahrung vom Halter erfordert.“

Fliegenabwehr durch Zebrastreifen?
In den vergangenen Jahren kamen vermehrt die heute überall sichtbaren Zebrastreifen in Mode – als Decken, als Masken oder als kreative Bemalung direkt auf dem Pferdekörper. Der Nutzen dieser Streifen wurde bei afrikanischen Zebras entdeckt und diese Erkenntnis ging später durch universitäre Forschungen um die Welt.
Mit ihren Streifen verwirren Zebras demnach die zahlreichen afrikanischen Insekten, die sich daraufhin seltener auf ihnen niederlassen und zustechen. Die Idee machte in Europa Schule, als Studien an der Universität Lund mit Pferde-Dummies die Wirkung augenscheinlich bewiesen. Mittlerweile haben zahlreiche Reitsportfachhändler Zebradecken im Programm, die tatsächlich bei etlichen Pferden ein effektiver Schutz zu sein scheinen. Jedoch gibt es auch Tiere, bei denen der Zebra-Look überhaupt nichts bewirkt, weshalb er teilweise umstritten ist.
Auch Ingolf Bender zeigt sich skeptisch: „Selbst wenn es die Studie aus Lund gibt, ist mir kein ernstzunehmender Vergleichstest bekannt, der dauerhaft eine aufgemalte Zebrastreifung oder Zebradecken als Insektenschutz belegt. Zebra-Decken können ähnlich Fliegendecken extremen Insektenbefall etwas eindämmen, sind aber meines Erachtens kein allgemein probates Abwehrzubehör. Auch bei Zebras ist nicht klar, inwieweit die Färbung Einfluss auf die Insektenabwehr hat oder ob es schlicht durch die Kombination mit Muskelzittern und den bereits erwähnten anderen Möglichkeiten des Pferdes gelingt.“ Zu vermuten sei, dass die Streifen-Farbe zur Abwehr beiträgt. Der Nutzen bleibt jedoch fraglich, wenn die Decke Muskelzittern und weitere natürliche Abwehrmechanismen einschränkt oder komplett ausschaltet.

Einsatz mit Bedacht
Selbst die pferdefreundlichste Decke sollte nicht ausschließlich positiv betrachtet werden und niemals im sommerlichen Dauereinsatz sein, erklärt Ingolf Bender: „Im Stall und auf der Weide sind Decken grundsätzlich für das Bewegungs- und Wälzverhalten des Pferdes hinderlich. Das bedenken viele Pferdebesitzer überhaupt nicht! Eingedeckte Pferde sind zu beaufsichtigen. Primär sinnvoll eingesetzt werden können Decken, insbesondere Fliegendecken, meiner Meinung nach aber beim Transport.“
Gerade auf dem Transporter bleiben die Tiere durch eine Fliegendecke häufig ruhiger, weil ohne diesen Schutz Insekten dauerhaft auf ihnen landen und die Pferde sich auf beschränktem Raum nicht ausreichend dagegen wehren können.
Wenn die Insektenplage auf der Weide jedoch zu groß ist und die Tiere nur mit einer Decke ruhig bleiben, sollte man ihnen diese nicht vorenthalten. Es bleibt die Devise: So wenig wie möglich, aber so viel wie wirklich nötig. Beim Einsatz sollte häufig ein Blick auf die weidenden Pferde geworfen werden, sodass keine Verletzungsgefahr von heruntergestreiften Decken ausgehen kann. Gurte und Decken sollten niemals locker herabhängen, was vor jedem Auslauf überprüft werden muss. „Besonders wichtig ist, dass die Decken wirklich passgenau sitzen. Dabei sollte man sich, sofern man unsicher ist, Expertenrat einholen.“
Ingolf Bender hält seine Pferde, soweit es geht, ohne Decken. „Jedes Pferd hat eine ihm eigene Thermoregulation. Diese sinnvolle Einrichtung der Natur wird stets durch Decken mehr oder weniger stark gestört. Decken sind grundsätzlich unphysiologisch und sollten nur dann im Einsatz sein, wenn sich wirklich ein positiver Effekt aufs Pferd bemerkbar macht“, erklärt er.

Ekzemerdecken als Schutz
Einen Spezialfall bilden Pferde, die an Sommerekzem – einer allergischen Reaktion auf den Speichel vorwiegend von Kriebelmücken und Gnitzen – erkrankt sind. Sie sollten so wenig wie möglich mit den stechenden Insekten in Kontakt kommen. Ekzemerdecken sind ein gut funktionierendes Mittel zum Schutz. Sie bestehen aus leichtem, luftdurchlässigem und atmungsaktivem Material und hüllen das betroffene Pferd komplett und enganliegend ein, auch rund um Bauch und Hals.
Die Decken sind aus einem überaus feinmaschigen Stoff gefertigt, der es den Insekten schwermacht, ihn zu durchstechen. Kombiniert mit einer Fliegenmaske ist das Tier von Kopf bis Bauch geschützt.
Wichtig ist, dass die Ekzemerdecke sehr häufig gewaschen wird. Pferde mit Sommerekzem sondern durch viele kleine Wunden Sekrete ab, die wiederum Insekten anziehen. Es ist deshalb zu empfehlen, mindestens zwei Ekzemerdecken zu besitzen, um das Pferd auch am „Waschtag“ eindecken zu können. Im Sommer sollte die Decke rund um die Uhr am Pferd bleiben, um zuverlässigen Schutz zu bieten.

Abschwitzdecken im Sommer
Besonders im Sommer schwitzen Pferde teilweise heftig. Der kurzfristige Einsatz von Abschwitzdecken kann demnach sinnvoll sein, besonders bei Turnieren und nach anstrengendem Training. „Wenn das Pferd nach dem Reiten geführt wird, ist in verschwitztem Zustand eine derartige Decke sinnvoll. Auch wenn es danach noch angebunden wird, kann eine Abschwitzdecke aufliegen“, beschreibt Ingolf Bender. Dies verhindert auch im Sommer Verspannungen der Muskulatur.
Abschwitzdecken bestehen aus einem speziellen Gewebe an der Außenseite, welches den Schweiß schnell und effektiv nach außen transportiert. Materialien wie Microfleece, Frottee oder weitere synthetische Fasern sind bei Abschwitzdecken üblich.

Decken zum Kühlen
Grundsätzlich kommen Pferde mit heißen Temperaturen gut zurecht, von daher stellt sich die Frage, wann Kühldecken, wie sie in den vergangenen Jahren immer mehr den Markt eroberten, nötig und nützlich sind. In der Evolution des Pferdes liegt begründet, dass sie einst in größtenteils baumarmen Steppen lebten und sich der hohen Sonnenintensität und Temperatur im Sommer anpassten. Über das Jahr hinweg gesehen überwogen auch dort kühle Temperaturen, sodass Pferde sich heute bei Gradzahlen unter 15°C am wohlsten fühlen. Während Minusgraden für sie im Grunde überhaupt kein Problem darstellen, ist das Wohlfühlen bei Hitze stark von der Rasse abhängig. Halbblüter und Vollblüter haben damit recht geringe Schwierigkeiten und werden deshalb auch in heißen Ländern wie Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten gezüchtet und geschätzt. Ganz anders als diese blütigen Rassen hat so mancher Haflinger,
Isländer, Norweger und Kaltblüter mit hohen Temperaturen zu kämpfen. Dennoch sind gesunde Tiere – mit Ausnahme sehr alter und sehr junger Pferde – weniger leicht durch Hitze-Temperaturextreme beeinflussbar als Menschen.
Im Sommer sollte auf Ritte in der Mittagshitze dennoch zum Schutz des Tieres verzichtet werden. Vor 9:00 Uhr morgens sind die Temperaturen noch angenehm und die Luft ist frisch von der Nacht. Trainingseinheiten sollten so früh wie möglich absolviert werden. Außerdem sollte jeder verantwortungsbewusste Reiter Schattenplätze vorziehen. Dieser achtsame Umgang mit dem Sportpartner Pferd ist wichtiger als der Kauf einer Hightech-Decke, sind sich Experten einig.
Die Schweizer Veterinärin Dr. med. vet. Sophie Hug betont, dass bei großer Hitze jenseits der 30°C sogar auf keinen Fall Decken irgendwelcher Art im Einsatz sein sollten. „Bei extremer Hitze sollte darauf immer verzichtet werden, da sonst die Gefahr eines Hitzestaus besteht.“
Sie ist auch höchst skeptisch, was spezielle Kühldecken anbelangt, insbesondere wenn diese bei drohender Überhitzung im Einsatz sind. „Derartige Decken oder selbst nasse Tücher sorgen für die Gefahr eines Wärmestaus. Viel besser ist es, bei leichter Überhitzung das Pferd in den Schatten zu bringen und dort abzusatteln, mit Wasser zu kühlen und zu führen, damit die Hitze auf der Haut durch die erhöhte Zirkulation besser abtransportiert wird. Immer wieder sollte man das Pferd dabei trinken lassen und den Zugang zu Salzleckstein oder Elektrolytersatz gewähren. Das ist viel wichtiger und besser als spezielle Decken“, so die Tiermedizinerin.
Ingolf Bender sieht den Dauereinsatz derartiger Decken durch unbedachte Pferdehalter besonders kritisch. „Kühldecken für den Dauergebrauch, zum Beispiel als Ersatz für Schatten spendende Bäume oder einen überdachten Offenstall auf der Weide, sind wegen des aufkommenden Hitzestaus unter dem Material kontraproduktiv. Der Pferdehalter muss hier für andere Möglichkeiten sorgen, eben einen (mobilen) Unterstand oder die Sonne abschirmendes Grün von oben“, betont er.
Allerdings merkt Ingolf Bender an, dass Kühldecken durchaus eine Daseinsberechtigung haben. „Kühldecken und andere Utensilien wie Kühlgamaschen können dazu beitragen, Hitzestress bei Pferden kurzfristig abzubauen. Dies wird bei hohem sportlichem Einsatz der Tiere nötig. Als Beispiel führe ich gerne die Kühlung von
Distanzpferden in Pausen an. Physiologisch deutlich natürlicher dagegen ist im Alltag das altbewährte Abschwammen mit Wasser.“

Fazit
In manchen Fällen können Decken sinnvoll eingesetzt werden. Jedoch sollte der Pferdehalter niemals unbedacht einfach aus Prinzip Decken auflegen. Häufig gibt es natürlichere Lösungen, die letztendlich auch preiswerter sind. Ist eine Decke jedoch unumgänglich, sollte auf erstklassige Qualität geachtet und gegebenenfalls Expertenrat eingeholt werden.

Buchtipps:

„Pferdehaltung und Fütterung“
Ingolf Bender, Kosmos Verlag, Stuttgart 2016

„Praxishandbuch Pferdeweide“
Ingolf Bender, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2013

„Von Kopf bis Huf“
Claudia Rietschel, FN Verlag,
Warendorf, 2004

„Pferde Gesundheitsbuch“
Dr. med. vet. Beatrice Dülffer-Schneitzer, FN Verlag,
Warendorf 3. Auflage 2009

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